*Ultrà Biblioteka*

Mit ‘Zukunft’ getaggte Artikel

Das große Ganze

In Dutt Up! am 14. Mai 2013 um 12:06

Im ersten Entwurf für diese Dienstags-Pöbelei stand als Titel “Schluss mit dem Technik-Populismus”.

Woher kam dieser sich in der ersten Idee für eine Überschrift wiederspiegelnde Aufreger? Natürlich aus der BuB – wie so oft. Was mich dann da aufregt sind gar nicht die Inhalte die dort stehen, sondern die vielen Dinge die dort nicht stehen. Exemplarisch dafür ist – und es tut mir ein bißchen leid, dass es schon wieder ihn trifft – der Artikel “Apps downloaden ist wichtiger als RAK” von Christoph Deeg (das gleiche gilt für den Artikel von Boris Hänßler, der fühlt sich an als hätte mir jemand das Internet ausgedruckt). Nachdem ich den Artikel fertig gelesen hatte, blieb kaum mehr als pure Ablehnung übrig (obwohl ich gerade den Teil des Satzes “[...] ist wichtiger als RAK” immer unterschreiben würde). Den Rest des Beitrags lesen »

Das große Wort: Demokratie – hier mal für Bibliotheken

In Farbwechsel am 13. Januar 2013 um 00:08

In meinen Beiträgen und Kommentaren finden sich immer wieder Verweise und kleine Hinweise, in denen in verschiedensten Formen das Wort Demokratie auftaucht. Für manche mag es nach albernem Pathos klingen, um die Wichtigkeit der Beiträge zu überhöhen. Andere fragen sich vielleicht, was jetzt bitte wählen gehen mit Bibliotheken zu tun hat. Wieder andere denken an die “Demokratisierung des Wissens” und wundern sich über die losen Zusammenhänge hier.

Um nun die Gedankengänge ein bißchen zu verdeutlichen, werde ich einen Schritt zurück gehen und beim Studiengang anfangen. Nach dem der Dipl. Bibl.  in Sack und Tüten war, stellte sich schon die Frage: wie nun weiter? Lust auf die allgemeinen eher verwaltenden Aufgaben in Bibliotheken war nun nicht wirklich da (ich beziehe mich im Übrigen fast immer auf Öffentliche Bibliotheken). Das bibliothekarische Studium selbst hat auch nicht wirklich zu mehr aufgerufen – eher niedrigschwellig und oberflächlich war es. Also erstmal arbeiten und gucken was es gibt. Über viele Irrungen und Wirrungen ergab sich dann (dank des Hinweises eines großartigen Bibliothekars ;-) ) die Möglichkeit an der FU Berlin den weiterbildenden Masterstudiengang “Demokratiepädagogische Schulentwicklung und Soziale Kompetenzen” zu besuchen. Klingt erstmal nicht nach: oh braucht man als Bibliothekar. Liest man sich den einleitenden Text auf der Homepage durch, wird aber einiges deutlich:

  • Das Studienangebot ist eine Antwort auf die Anforderungen, die gegenwärtige Reformvorhaben an die Akteure im Umfeld der Schulen stellen. –> also auch an Bibliotheken!
  • Der Studiengang nimmt die Schule als Ort demokratischen Lernens in den Blick und vermittelt den Teilnehmenden Kompetenzen, die eine kooperative Entwicklung der Schule zu einem demokratischen Lebens- und Lernort ermöglichen. –> Erkenntnis: das brauchen Bibliotheken auch!
  • Im Mittelpunkt des anwendungsorientierten Curriculums steht die Auseinandersetzung mit der professionellen demokratiepädagogischen Entwicklung einer Schule und der Gestaltung von Lernarrangements zur Förderung sozialer Kompetenzen. –> Klar – wollen wir in Bibliotheken auch!

Drei Sätze zum Inhalt – drei Volltreffer. Was mir dort dann begegnete, was das Gegenteil des vorangegangenen Studiums: an den Studierenden interessierte Lehrende (ein Seminar als Möglichkeit für die Lehrenden, selbst dazu zu lernen), Diskussionsfähigkeit, Kritikfähigkeit, und vor allem eine unvergleichlich professionell präsentierte und vermittelte Inhaltsvielfalt unter dem Dachbegriff der Demokratiepädagogik. Wer sich für die Modulbeschreibungen interessiert, findet sie HIER. Eine der Grundlagen der Demokratiepädagogik ist die Erkenntnis, dass sich Demokratie nicht per Wissen vermitteln läßt. Demokratie kann man nicht lernen, sondern nur erfahren. Dementsprechend muss man sie erfahrbar machen. Dazu aber später noch.

Was dann aber noch erstaunlicher war: wie weit die Diskussionen in den Schulen sind und wieviel weiter Schulen sich bereits entwickelt haben als Bibliotheken. Ich werde mich im Weiteren ab und zu am Modulplan entlanghangeln.

1. Modul Konzepte der Demokratietheorie und Demokratiepädagogik

“Demokratiebildung, Geschlechtergerechtigkeit und Interkulturelle Bildung gehören zusammen. Vielfalt verlangt, Verschiedenheiten wahrzunehmen, anzuerkennen und kompetent (demokratisch) damit umzugehen. Voraussetzung dafür ist einerseits der Erwerb von Grundkenntnissen über interkulturelle, genderspezifische und demokratische Orientierung und Öffnung als Strategien der Organisations-, Personal- und Curriculumsentwicklung in der Schule. Es werden sowohl Aspekte praktischen interkulturellen Lernens als auch die Auseinandersetzung mit Konzepten demokratischer Wertevermittlung, Willensbildung und Entscheidungsfindung in pluriformen Einwanderungsgesellschaften aufgegriffen.”
(Quelle: Modulhandbuch)

Achso, vorweg noch: was im Modulhandbuch steht wurde auch so behandelt – auch eine neue Erfahrung.

Weil jüngere Studien auf bedenkliche Demokratiedefizite in Europa hinweisen (etwa sinkende Wahlbeteiligung, Politikdistanz junger Menschen, Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen, Anstieg rassistisch motivierter Gewalt, andauernde Geschlechterdisparitäten) ist Citizenship Education zu einem gesamteuropäischen Projekt geworden.
(Quelle: Modulhandbuch)

Hier hat sich dann gezeigt, wie groß der Unterschied zwischen der Schulentwicklung und der Bibliotheksentwicklung ist. Wir fragen uns in Bibliotheken (nochmal: ich beziehe mich auf Öffentliche Bibliotheken), wie wir den Kindern und Jugendlichen das Lesen wohl am besten nahe bringen und vielleicht noch, wie wir ihnen helfen sich zu informieren. Dazu diskutieren wir über Jahre über Informationsträger: Brauchen wir CDs? Brauchen wir DVDs? Ich habe im Kulturausschuss auch noch die Diskussion erlebt: warum gibt es da Kassetten? Oder eben aktuell: Brauchen wir Web 2.0 etc.?
Schulen diskutieren nicht die Frage der Informationsträger. Hier geht es darum herauszufinden: wie lerne ich am besten. In welcher Lernumgebung lerne ich am besten. Wie organisieren wir die unendlich große Heterogenität der persönlichen Lernformen – richtig: demokratisch. Hier liegt der Unterschied und da kommt der Kunde ins Spiel. Schulen schreiben sich Schulprogramme und Leitbilder, Bibliotheken machen das quasi auch. Viele Schulen organisieren dies aber mittlerweile demokratisch und was sich hier dann simpel anhört ist ein unerhört nervenaufreibender, zeitfressender und kraftraubender Prozess. Da wird mit allen! Schülerinnen und Schülern, mit allen! Lehrerinnen und Lehrern und mit allen teilhaben wollenden Eltern in Workshops das eigene Leitbild erarbeitet und zusammengebracht. Nicht ein einziges Mal, sondern in sich fortsetzenden Prozessen, alle Jahre wieder. Was dabei herauskommt sind nicht Weltentwürfe oder Musterverfassungen, sondern individuell auf die jeweilige Schule und ihre Umwelt zugeschnittene Regularien. Oder Klassenräte, in denen die Lehrkraft exakt eine Stimme hat, wie jede ihrer Schülerinnen und Schüler auch. Wenn es da dann um die Lehrmethoden geht, dann kann es schon mal zur Sache gehen. Aber hierzu gehören dann auch Übungen, die vermitteln wie Bedürfnisse anderer und auch die eigenen wahrgenommen werden können usw.

Jetzt der Übertrag auf Bibliotheken. Wir arbeiten bis heute Bestandsorientiert. In den neuen Diskussionen – auch jenen von z.B. Christoph Deeg – erkenne ich keine Umkehr davon. Im viel diskutierten “Kunden”-Artikel steht:

Aber Bibliotheken könnten dem Kunden nun zeigen, wo man bei Amazon kostenlose Bücher bekommt, wie man einen RSS-Reader auf dem Kindle installiert, wo man im Netz kostenlose eBooks findet und wie man diese legal in das Amazon-Format konvertieren kann. Gleiches gilt für die Nutzung von iPads und anderen Geräten.

oder

Ich denke aber es geht darum, dem Kunden zu helfen. Der Kunde möchte lesen, lernen, spielen etc. und die Aufgabe der Bibliothek ist es dann, ihn auf diesem Weg zu unterstützen. Dies kann bedeuten, dass von diesem Kunden der Bestand der Bibliothek gar nicht mehr genutzt wird. Bekommt der Kunde aber in der Bibliothek diese spannenden Informationen und Hilfestellungen, wird er die Bibliothek damit als Experten für die Welt der Medien wahrnehmen. Somit ist dieser Kunde aufgrund seines geänderten Medien-Nutzungs-Verhalten nicht mehr für die Bibliothek verloren.

Da hat sich gar nichts geändert. Ich soll dem nun Kunden heißenden Leser zeigen, wie der Informationsträger funktioniert. Ein bißchen Spaß soll er auch haben, deswegen schreibe ich einen lustigen Blog – ist polemisch, weiß ich.

Was ich hingegen brauche und da führt der Studiengang hin:

Im Einführungsteil wird ein Überblick über Formen (z. B. soziale Intelligenz), Dimensionen (Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten) und Modelle sozialer Kompetenz im Kindes- und Jugendalter sowie über die entwicklungspsychologischen Befunde (z. B. handlungstheoretischer Ansatz zur Entwicklung sozial-moralischer Kompetenzen) gegeben, die die Entwicklung allgemeiner und spezifischer sozialer Kompetenzen in unterschiedlichen Altersstufen begründen.
(Quelle: Modulhandbuch)

Die Bedeutung einer grundsätzlichen pädagogischen Haltung in der Förderung sozialer Kompetenzen wird an konkreten Beispielen verdeutlicht. Die Vermittlung, Erarbeitung und Auseinandersetzung mit konkreten Strategien zur Förderung sozialer Kompetenzen erfolgt am Beispiel ausgewählter Programme (z. B. fairplayer.manual, buddY E.V., fairplayer.sport, Betzavta, Erwachsen werden) bzw. im Rahmen eines auszuwählenden Programms.
(Quelle: Modulhandbuch)

Wesentliche Schritte schulischer Entwicklungsprozesse, Gelingensbedingungen und Stolpersteine werden an konkreten Beispielen aus dem Erfahrungshintergrund der Dozent/-innen vorgestellt (z. B. Vorgehensweise und Methodik bei partizipativen Leitbild- und Schulprogrammentwicklungsprozessen, das Aushandlungsmodell, Entwicklung einer demokratischen Konferenzkultur, Informationsfluss und Transparenz, Anerkennungs- und Feedbackkultur, Vereinbarungen zur Zusammenarbeit und zum Miteinander unter den schulischen Gruppen, Elternräume, etc.).
(Quelle: Modulhandbuch)

Die Informationsträger sind für mich als Bibliothekar nur Mittel zum Zweck der präventiven pädagogischen Arbeit!

  • Ich kaufe nicht Musik-CDs der reinen kulturellen Teilhabe wegen, sondern setze mich mit auf Charts platzierten homophoben Inhalten auseinander oder mit auf Charts platziertem Rechtsrock.
  • Ich befähige die Leserinnen und Leser zu erkennen, welche Wirkung Medien haben können. Hierfür braucht es viele Dinge von denen Christoph Deeg spricht, aber sie sind nur Mittel zum Lernen und nicht Selbstzweck.
  • Ich organisiere die Bibliothek demokratisch: Transparenz bibliothekarischer Arbeit, partizipative Leitbilderstellung, Teilhabe an der Organisation etc.

Ich will weg vom Verwaltungsbibliothekswesen. Ja – dieser Teil wird den Weg gehen, den Gunter Dueck beschreibt: unterbezahlt und in Masseneinrichtung organisiert. Der einzige Weg in die Zukunft führt Bibliotheken über demokratische Wege. Bisher sind wir grenzwertig “unterprofessionell”. Wir haben fast keine Ahnung von Medienpädagogik, obwohl wir täglich Medien hin und her reichen und wir haben keine Ahnung ob unsere Leseförderung funktioniert, obwohl wir uns damit legitimieren. Wir wissen auch nicht, wie wir eigentlich die Verteidigung gegen unmenschliche (fängt bei Alltagsrassismus an) Inhalte organisieren, so wir denn überhaupt wollen (wo wir ja so neutral sind).

Das ist mein Blick – wieder in Kurzform.

Zum Abschluß drei Sätze aus dem Modulhandbuch, denen zu folgen ich jedem bibliothekarischen Studiengang nicht nur empfehlen kann, sondern als Grundlegend für meine berufliche Professionalität betrachte:

Für demokratische Schulentwicklungsprozesse ist es wesentlich, dass sich die Studierenden zu Beginn mit ihrem eigenen Demokratieverständnis (anhand von Übungen und Reflexionsphasen) auseinandersetzen. Dieser Schritt
kann beispielhaft für zukünftige Reflexionsprozesse an Schulen genutzt werden. Überdies ist die Beschäftigung mit der eigenen Rolle und Haltung in Veränderungsprozessen Bestandteil dieser Einführungsphase.

DonBib

Das merkwürdige Schweigen und die Zukunft

In Dutt Up! am 14. Oktober 2011 um 10:19

In der aktuellen BuB (Ausgabe 10 / 2011) findet sich auf den Seiten 684 – 686 ein durchaus lesenswerter Artikel zum “Stufenprogramm zur Sprach- und Leseförderung in Rheinland-Pfalz / Acht Module mit zehn Bausteinen”, verfasst von Günter Pflaum (Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz). Abgesehen davon, dass bibliothekarische Räder offensichtlich nur dann etwas taugen wenn man sie selbst erfunden hat (mal gucken wann das nächste Bundesland ein modularisiertes Stufenprogramm zur Förderung der Lesekompetenz selbst entwickelt), sind die Ansätze und Ideen ja sehr interessant. Vor allem die Feststellung, dass Bibliotheken von allen Bildungseinrichtungen die größte Altersreichweite haben ist ein Ansatz, der die Legitimation bibliothekarischer Arbeit über Jahre zementieren kann.

Der Fehler am Ganzen ist und bleibt aber, dass der Ausblick auf die eigenen Kompetenzen fast nie gewagt wird. Die einzigen Worte des genannten Artikels, die sich auf die eigenen Kompetenzen beziehen sind folgende:

die Durchführung von Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen zu allen Themen der Sprach- und Leseförderung;
(Quelle: BuB 10/2011, S. 685)

Das ist dezent formuliert: ziemlich dünn. Mir kann bis heute niemand erklären, warum es ausreichen sollte zu fünf Fortbildungen zu gehen um ausreichend qualifiziert zu sein für ein “gesellschaftlich und bildungspolitisch hoch anerkanntes Arbeitsgebiet”, wie die Sprach- und Leseförderung. Um mal einen kleinen polemischen Ausritt zu wagen: nur weil eine Krankenschwester (oder ein Krankenbruder) fünf Fortbildungen zu innerer Medizin und Skalpellführung besucht hat, würde ich sie trotzdem nicht an meinen Innereien rumschnibbeln lassen. Dafür möchte ich schon jemanden, der qualifiziert ist. Warum glaubt der Berufsstand der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, dass pädagogische Arbeit so viel einfacher wäre? Warum bekomme ich zu hören, dass einige Kolleginnen und Kollegen “von selbst fast alles richtig machen”? Wenn der Chefarzt kommt und sagt: “Der Kollege hier hat von Natur aus eine ruhige Hand, der kann mit dem Skalpell schneiden wie kein zweiter, aber er ist kein Arzt.”, dann bin ich derart schnell raus aus dem Laden, dass Speedy Gonzales neidisch wäre.

Wäre es nicht längst Zeit zu diskutieren, dass wir mehr Experten in den Bibliotheken brauchen?

Modernes Arbeiten in Bibliotheken bedeutet oft nur: der Transfer bekannter Tätigkeiten ins digitale Zeitalter. Ein Ansatz den ich derart langweilig finde, dass mir lange Zeit gar nicht aufgefallen ist, dass dieser Ansatz tatsächlich nicht langweilig sondern gefährlich ist. Diese Denkweise folgt dem, was Detlev Hoffmeier im netbib Weblog schrieb:

Bibliotheken sind nämlich keine Agenda-Setter, sie sind Kulturfolger.
(Quelle: netbib Weblog)

Kulturfolgerei ist immer ein Stück Aufgabe des eigenen Denkens und Handelns. Wünscht sich die Gesellschaft mehr digitale Teilnahme in Bibliotheken – sie bekommt sie. Wünscht sich die Gesellschaft mehr Leseförderung – sie bekommt sie – auch wenn keiner weiß, was das eigentlich bedeutet (für den Berufsstand und für die Lesegeförderten).

Ich bin dafür, dass wir Trendsetter werden! Dann muss man aber das eigene Handeln hinterfragen. Dafür braucht es z.B. (bezogen auf den oben genannten Artikel) gelernte Pädagoginnen und Pädagogen in Bibliotheken.
Der Hinweis auf den Artikel “Bibliotheken eines untergegangenen Systems” brachte mich wieder zurück auf den Gedanken, dass wir auch das aktuelle Tun und Handeln hinterfragen müssen. Befinden wir uns aktuell in “Bibliotheken eines untergehenden Systems”? Finanzkrise hin oder her, so schnell wird sich dieses Wirtschaftssystem nicht selbst erlegen. Interessant ist eher die Frage, ob wir aktuell eine im Abstieg befindliche Demokratie beobachten. Es gibt sowohl für ein “Ja”, wie für ein “Nein” gute Argumente.

Warum kann man sich stundenlang damit beschäftigen bibliothekarische Auseinandersetzungen um das Urheberrecht oder Google+ zu lesen (die berechtigter Weise geführt werden), aber nicht Auseinandersetzungen um die Teilhabe von Bibliotheken an der Demokratisierung der Gesellschaft?

Mein Wunsch ist, dass Bibliotheken helfen die Gesellschaft zu demokratisieren.
Hierfür braucht es aber eine Demokratisierung der Bibliotheken selbst.
Ich bin Trendsetter, ich möchte Bibliotheken verändern!

DonBib

PS Unter anderem aufgrund der zuletzt genannten Ideen, werden ein Mitschreiberling dieses Blogs und ich uns jetzt ein wunderschönes volles Jahr studierend (selbstverständlich neben dem Beruf) mit der Frage der Demokratisierung von Bibliotheken beschäftigen.

Differenzierung die Zweite – sind Bibliotheken Dienstleistungseinrichtungen?

In Farbwechsel am 6. September 2011 um 15:25

Großes Thema – ein (sehr) kurzer Versuch der Einordnung zur Diskussion.

Sehr oft gab es schon auf verschiedensten Veranstaltungen, in den Mailinglisten oder z.B. im netbib Weblog lange Diskussion über die Frage, ob denn Bibliotheken eigentlich Dienstleistungseinrichtungen wären. Selbstverständlich sagt die eine Seite, deswegen heißen Kundinnen und Kunden ja schließlich auch nicht mehr Bibliotheksnutzerinnen und Bibliotheksnutzer. Für völligen Unsinn hält dann oft die Gegenseite diese Bezeichnung und auch das Ansinnen der Bibliothek als Dienstleistungseinrichtungen.

Den Grundfehler vieler solcher Diskussionen will ich hier nicht begehen, nämlich einfach drauf los zu argumentieren. Es gilt vorher klar abzuklopfen und sorgfältig zu benennen, über welche Formen von Bibliotheken man spricht und welches Bild man von der Gesellschaft hat. Daraus ergibt sich nämlich zumeist bereits vorher das Ergebnis der Diskussion. Bei mir z.B.:

  • Spezialbibliotheken sind Dienstleistungseinrichtungen
  • Wissenschaftliche Bibliotheken sind zum Teil Dienstleistungseinrichtungen
  • Öffentliche Bibliotheken sind keine Dienstleistungseinrichtungen

Warum also diese Antworten? Ich nehme mal der Einfachheit halber die „Defintion“ der Wikipedia für Dienstleistung:

Eine Dienstleistung im Sinne der Volkswirtschaftslehre ist ein ökonomisches Gut, bei dem im Unterschied zur Ware nicht die materielle Produktion oder der materielle Wert eines Endproduktes im Vordergrund steht, sondern eine von einer natürlichen Person oder einer juristischen Person zu einem Zeitpunkt oder in einem Zeitrahmen erbrachte Leistung zur Deckung eines Bedarfs. Der Erbringer einer solchen Leistung wird als Dienstleister bezeichnet. (Quelle: Wikipedia)

Großartig – Thema gegessen, exakt das machen wir in allen Formen von Bibliotheken, wir erbringen Leistungen zur Deckung eines Bedarfs, also sind alle Bibliotheken Dienstleistungseinrichtungen. So einfach könnte man es sich machen. Das wäre aber langweilig. Man könnte nämlich z.B. die folgenden (Gegen-)Fragen stellen:

  • Welchen Bedarf decken denn Öffentliche Bibliotheken? Den freien Zugang zu Informationen?
  • Wer definiert diesen Bedarf denn, wenn es denn tatsächlich ein Bedarf ist?
  • Ist der Bedarf die Bildung und Weiterbildung der Einwohner dieses Landes? Wenn ja, wer definiert wie gebildet ich werden darf oder sein muss?
  • Gehen wir einen Schritt weiter: sind dann Schulen auch Dienstleistungseinrichtungen? Gibt es einen Bedarf an Bildung? Wenn ja, wo endet dieser Bedarf und wo beginnt er?

Viele Fragen also und wenn ich ehrlich bin, keine Antworten die sich innerhalb von zehn Seiten Text so einfach niederschreiben ließen.

Ich für meinen Teil, und darum soll es hier gehen, definiere das Recht auf Bildung nicht als Bedarf der Gesellschaft an intelligenten Menschen zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Kreisläufe. Dies ist allenfalls ein Beiwerk.

Deswegen fruchtet bei mir die Definition der „Dienstleistung“ aus der Wikipedia nicht. Denn Bildung ist kein ökonomisches Gut. In einer Gesellschaft, deren Grundverständnis es ist, dass junge Menschen hoch intelligent werden, damit sie einen großen Nutzen für wirtschaftliche Kreisläufe haben, definiert Bildung selbstverständlich als ökonomisches Gut und eben hier trennen sich die Wege.

Es ist grundlegend, welches Bild einer Gesellschaft man vertritt und vertreten möchte – es ist ebenso grundlegend dies offen zu benennen und zu vertreten.

Nimmt man zu dieser Diskussion dann noch die unterschiedlichen Bibliothekstypen (in sehr verkürzter Form) hinzu merkt man, dass man sehr wohl Unterschiede benennen kann. Eine Spezialbibliothek, z.B. die Bibliothek eines Instituts der Leibniz-Gesellschaft, hat keinen Nutzen aus sich selbst heraus. Sie erfüllt den Bedarf der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Information. An dieser Stelle geht es dann letztlich doch um die Erfüllung eines Bedarfs zur wissenschaftlichen Arbeit der Forscherinnen und Forscher. (Wobei ich hier schon ein bißchen Abstriche von meiner Grundidee mache – der Punkt ist mir selbst noch nicht vollends deutlich)

Das Gegenteil dazu bilden die Öffentlichen Bibliotheken. Sie stehen, wie die Schulen, als Grundpfeiler des Rechts auf Bildung am Boden jeder Gesellschaft und jeder gesellschaftlichen Entwicklung. Denn hinter meiner Arbeit als Bibliothekar steht mehr als die Erfüllung der Wünsche jener Menschen die in meine Bibliothek kommen. Ich möchte jenen Menschen nicht einfach nur die Information mitgeben, nach denen sie fragen, sondern einen Gedanken an die Bedeutung der Bildung für eine humanistische Gesellschaft. Eine Öffentliche Bibliothek, die sich als Dienstleistungseinrichtung versteht, ordnet sich in den Wirtschaftskreislauf ein und verlässt damit den Weg in eine humanistische Gesellschaft.

Wissenschaftliche Bibliotheken stehen auf halbem Weg zwischen Spezialbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken, daher meine Einordnung zu Beginn. Sie erfüllen zum Teil den Bedarf an Informationen für Forscherinnen und Forscher, sie erfüllen zum Teil aber auch einfach die Aufgabe, „höhere“ Literatur für die Erbringung des Rechts auf Bildung bereitzustellen etc.

So einfach ist dann letztlich für mich die Einordnung. Wichtig ist, dass man sich vorher ein Bild der Gesellschaft bereit hält, sonst verläuft jede Diskussion im Sand.

Dies als kleiner Diskussionsbeitrag. Es sind noch nicht ganz geordnete Gedanken. An der einen oder anderen Stelle fehlt sicherlich der fachwissenschaftliche Hintergrund, was die Definitionen angeht, aber dafür ist dieser Blog nicht da. Für die Klärung und Erörterung solcher Fragen gibt es eben jene bibliothekswissenschaftliche Einrichtungen an den Hochschulen und Fachhochschulen dieses Landes

DonBib

PS Spannend ist z.B. auch die Frage, was mit Bibliotheken politischer Stiftungen ist. Folgen die den Zielen der jeweiligen Stiftung (z.B. hier, hier oder hier) oder bleiben sie der kleine Zweckerfüller (oder halt Dienstleister) der Stiftungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter? Daraus folgt jetzt noch eine kleine Aufforderung: Hören wir auf immer “die Bibliotheken” zu schreiben, es gibt sie nicht so verallgemeinert.

Umfrageergebnisse: Lehrinhalte für Öffentliche Bibliotheken im Studium

In Zettelkasten am 28. August 2011 um 23:27

Nach nur fünf Tagen haben wir die Umfrage „Lehrinhalte für Öffentliche Bibliotheken im Studium“ geschlossen. Die Beteiligung war trotz der ja deutlichen fachlichen Schwächen überragend. Man kann von ca. 186 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprechen. Man kann aber nur deshalb „ca.“ sagen, weil mit den begrenzten Mitteln dieses Umfragetools (ohne ein 200$ Upgrade zu kaufen) keine exakte Eingrenzung möglich ist. Es ist nur möglich die Anzahl der abgegebenen Stimmen durch drei zu teilen und zu hoffen, alle Teilnehmerinnen und Teilnehmern hätten sich an die vorgegebene Stimmenzahl gehalten.

Ausgehend davon, dass 186 die richtige Zahl ist, lassen sich hoch interessante Resultate ablesen. Hier aber zuerst die Ergebnisse:

Endergebnis

Ein Klick auf das Bild öffnet eine größere Ansicht

Fangen wir mit den drei häufigsten Nennungen an: Öffentlichkeitsarbeit (mit weitem Vorsprung), Bestandsmanagement und Veranstaltungsmanagement. Interessant ist hier, dass der Öffentlichkeitsarbeit eine größere Wichtigkeit zugesprochen wird, als dem Bestandsmanagement. Besonders interessant sind dann aber die drei nachfolgend genannten Themengebiete: Pädagogik, Konfliktmanagement und grundlegende EDV-Kenntnisse.

Eines lässt sich jetzt deutlich erkennen: ein  Qualifikationsprofil „Bibliothekar“ oder „Bibliothekarin“ kann diese Anforderungen nicht alleine erfüllen!

Urheber de:User:Pixelrausch Creative CommonsDie Eierlegende Wollmilchsau wird sich auch im Bibliothekswesen nicht finden lassen. Deshalb müssen wir endlich damit anfangen klare Qualifikationsprofile für Bibliotheksarbeit zu erstellen. Es braucht vielleicht nicht mehr zwei Bibliothekarinnen oder Bibliothekare, die beide mit dem Bestandsmanagement beschäftigt sind, beide Öffentlichkeitsarbeit betreiben und beide Veranstaltungsarbeit leisten. Es muss auch klar werden, dass eine Person nicht all diese Fähigkeiten alleine bereitstellen kann. Wer es schafft uns bspw. eine gelernte Pädagogin zu präsentieren, die gleichzeitig ein Profi in Öffentlichkeitsarbeit ist und ein verantwortliches Bestandsmanagement auf höchstem Niveau betreibt, dem verleihen wir gerne das Prädikat „Held / Heldin der Informationsbeschaffung“.

Man kann diese Überlegungen auch umdrehen: wenn ein sehr gut informierter Mensch aus der Politik auf eine Bibliothek zugeht und fragt: welche eurer Angebote könnt ihr eigentlich aufgrund eurer Qualifikationen auf höchstem Niveau betreiben, dann kommen wir in ein Rechtfertigungsdefizit. Die einzige Antwort kann dann nur das Bestandsmanagement sein. Leseförderung bspw. ist letztlich mehr als Bilderbuchkino, Klassenführungen und OPAC-Einführungen. Selbst dort käme man aktuell ins Schlingern. Wieso können wir behaupten die meisten unserer Klassenführungen wären professionell und didaktisch auf hohem Niveau – weil wir Bibliothekswissenschaften (oder welchen Namen es auch tragen mag) studiert haben? Wohl eher nicht. Wenn hier also ca. ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer Pädagogik und Konfliktmanagement nennen, ist dies ein klarer Auftrag an die Hochschulen – was ja inhaltlich einen klaren Paradigmenwechsel bedeuten dürfte (für den Bereich der Öffentlichen Bibliotheken).
Deutlicher ist es noch für die Öffentlichkeitsarbeit und das Veranstaltungsmanagement, die sich ja thematisch durchaus nah sind. Dies müssten zentrale Themen sein. Nur stellt sich eben die Frage, ob das so zu leisten ist. Vielleicht muss man sich endlich verabschieden von den alten Begriffen (die letztlich immer noch zugegen sind) der Ausbildung für Wissenschaftliche- oder Öffentliche Bibliotheken und beginnen die berufsqualifizierte Ausbildung nach einem möglichen Arbeitsbereich zu gestalten. Für eine Person die Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsmanagement für Bibliotheken (und z.B. Archiven etc.) studieren durfte, ist es letztlich unwichtig in welche Art der Einrichtung er dann kommt. Die Aufgaben werden dann aber mit der nötigen Professionalität erfüllbar werden. Dasselbe gilt eben auch für den (sozial-) pädagogischen Bereich usw.

Zurück zur Auswertung – die nachfolgenden Punkte sind die beiden zu den EDV-Kenntnissen. Das z.B. war eine der Schwächen: es ist durchaus schwammig formuliert. Wir haben vorher nicht geklärt, was genau im weiteren Sinne unter den Punkten zu verstehen ist. Eine Grundtendenz ist klar und letztlich Standard für jede Berufswelt geworden: die grundlegende Kompetenz zur Bedienung unterstützender Software mit grundlegenden Kenntnissen des Internets und seines Aufbaus. Erweiterte Kompetenzen, also XML und nach unserem Verständnis auch Programmiersprachen etc. nannten noch knappe 18% der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Offensichtlich ein durchaus interessantes Thema, aber keines das eine hohe Priorität hat.

Der nächste Punkte -wieder eine der Schwächen – ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Berufsfeld. Erst nach einem Tag ist uns aufgefallen (bzw. wurde uns mitgeteilt durch eine Leserin des Blogs), dass sich die Antworten „kritische Auseinandersetzung mit dem Berufsfeld“ und „Berufsbilddiskussion“ überschneiden bzw. letztlich gleichzusetzen sind. Die Berufsbilddiskussion gehört in die kritische Auseinandersetzung mit dem Berufsfeld – ein Fehler von uns. Nimmt man beide zusammen wurde dieser Punkt immerhin noch von mehr als einem Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer genannt.

Der abgeschlagene Verlierer ist: RAK. Tja, da war die Verwunderung ehrlich gesagt nicht groß, eher die Genugtuung. Es führt uns vor Augen, dass die immer noch vorhandene Meinung man müsse zum katalogisieren studieren offenbar nicht von allen geteilt wird. Selbst bei RAK – was eigentlich auch jeder weiß – spielt das Umfeld eine Rolle. Umso mehr müssen Arbeitsbereiche, man kann es nicht oft genug wiederholen, neu definiert werden.

Was nehmen wir mit aus dieser Umfrage?

  1. Die hohe Beteiligung lässt auf ein reges Interesse an einer Diskussion über die Lehrinhalte schließen. Man könnte also sagen: Hamburg, Potsdam, Köln, Leipzig, Stuttgart usw. nehmt euch des Themas an. Hier liegt viel Arbeit, viel Konfliktpotenzial (sehr viel) aber eben auch ein gutes Stück Verantwortung für die zukünftige Legitimation vor den Geldgebern: den Kommunen, den Ländern und dem Bund.
  2. Wir machen uns beim nächsten Versuch einer Umfrage mehr Gedanken vorher, aber wir halten diese weiterhin so einfach. Wissenschaftliche Studien sind nicht aus der Freizeit heraus möglich, wir wollen allerdings zum Nachdenken anregen.
  3. Das Siegertreppchen!
Endstand

Das Siegertreppchen

Für Kritik und Fragen zu den Antworten sind wir völlig offen.

i.A. für *Ultra Biblioteka*

DonBib

PS Die abweichenden Antworten aus der Umfrage und das gesamte Datenmaterial kommt im Verlauf des Montags als PDF online!

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