*Ultrà Biblioteka*

Mit ‘Leitbild’ getaggte Artikel

Kurz: Warum ich in meiner Bibliothek eigentlich nicht gebraucht werde

In Dutt Up! am 4. Oktober 2012 um 21:42

Oder auch: Eindrücke aus einer anderen Welt.

Eine Öffentliche Bibliothek – der Auskunftsplatz – mein täglich Reich oder auch Brot – mal mehr und mal weniger – anmeldewilligen Besucherinnen und Besuchern in kurzen Worten die Benutzungsordnung erläutern und dann Personalausweise abtippen (in bibliothekarischen Worten: Anmeldung) – Computerarbeitsplätze freischalten – nebenbei ein bisschen Knöpfe drücken im GBV (auch genannt Fernleihe) – Auswüchsen schwachsinnigen pädagogischen Verhaltens die Stirn bieten (z.B. Schülerinnen und Schülern aus der 6. Klasse zu wahllos vor die Füße geworfenen Referatethemen Hilfestellungen geben) – katalogisieren – Buch- und DVDSpenden begutachten zwischenzeitlich bei der Verbuchung aushelfen (Personalmangel) – zwischenzeitlich noch etwas „Bestandsaufbau“ betreiben und der Stadtverwaltung mehr Einfluss beim Betrieb der eigenen Internetseite abringen: alles zusammen die klassische Arbeit in Öffentlichen Bibliotheken.

Alles klar?

Wozu aber braucht es mich dort? All diese Aufgaben kann ein FaMI erledigen!

Was aber beim Alltäglichen fehlt, ist ein Plan und die dafür notwendige Fähigkeit die eigene Einrichtung konkret in lokale Zusammenhänge einzuordnen. Dabei geht es nicht darum einen wohlklingenden Bibliotheksentwicklungsplan zu schreiben, in dem dann zukünftig angestrebte jährliche Entleihungen formuliert werden oder anderes rhetorisches Gesabbel. Es fehlt auch nicht an einem Zertifikat für tolle bibliothekarische Arbeit. Man möchte manchmal weinen, so einfach sind die Argumentationsmuster.

Was fehlt ist ein Leitbild. Was fehlt ist die Fähigkeit Leitbildprozesse zu starten – partizipativ und demokratisch. Was dazu widerum fehlt ist jedwede Qualifikation. Wozu aber braucht es ein Leitbild und wieso sollen Leitbilder die „neue“ Grundlage bibliothekarischer Arbeit sein? Ein bisschen wüsste ich schon zu erzählen. Aber eine genaue Antwort wird erst am Ende der Masterarbeit präsentiert. Sagen wir Ende Februar :-)

DonBib

braun, braun, braun ist alles, was ich hab’

In Farbwechsel am 19. Dezember 2011 um 12:30

Vor knapp einer Woche verfasste Edlef Stabenau einen kurzen Hinweis beim netbib Weblog, der mal wieder auf das Bibliothekssterben aufmerksam machte, insbesondere auf einen Artikel aus Mecklenburg-Vorpommern. Ungefähr einen Monat früher hatte ich bei der ZEIT einen Artikel gelesen („Bullerbü in braun“), der mir nun wieder bewusst wurde. Wenn man sich dann „nebenbei“ noch in einem Masterstudiengang befindet, der Demokratiepädagogik bespricht, dann ist es wohl der Lauf der Dinge, dass die Gedanken beginnen zu rotieren. Merkwürdig war aber nur, dass sich bei mir eigentlich nur eine Frage wiederholt in den Vordergrund schob:

Wo bleibt eigentlich der beständige Aufschrei des Berufsstandes und seiner Unterstützer?

Mir fehlt in aktuellen Debatten um Bibliotheken gänzlich der Versuch bibliothekarische Arbeit einfach mit dem Streben nach Demokratie und Demokratisierung der Gesellschaft zu begründen. Genannt wird hingegen ein „Bildungsauftrag“, geworben mit der „am stärksten genutzten Kultur- und Bildungseinrichtung” und geprahlt mit Bibliotheken als Bildungspartner für das lebenslange Lernen. Ich bin mir nicht sicher, ob man den Bürgerinnen und Bürgern erklären muss, dass Bibliotheken da sind. Vielleicht muss man tatsächlich mehr für die Angebote werben und so eine Kampagne, wie z.B. „Treffpunkt Bibliothek“, bietet da tolle Möglichkeiten, aber letztlich wird dabei nicht erklärt, wozu man Bibliotheken braucht.

Unabhängig davon, dass der Satz: „Bibliotheken sind die am stärksten genutzten Kultur- und Bildungseinrichtungen“ als Begründung für die eigene Existenz etwas merkwürdig anmutet – ich würde gerne dagegen halten und behaupten: das Internet ist die am stärksten genutzten Kultur- und Bildungseinrichtung – braucht es eben für jene Aussage auch keine Demokratie. Auch der „Bildungsauftrag“ wird einfach in die publizistische Manege geworfen, in der Hoffnung irgendwer würde schon wissen was man meine.

Ich würde dieses ganze Prinzip gerne umdrehen: Demokratie und Demokratisierung der Gesellschaft stehen allem genannten voran und ergeben nur im Zusammenhang damit einen Sinn. Informationskompetenz schafft keine Demokratinnen und Demokraten, ebenso wenig wie Leseförderung und Weiterbildung. Für sich allein gestellt können diese Dinge auch so funktionieren. Dementsprechend langweilt mich die Diskussion um die Frage: sind Bibliotheken eigentlich Bildungseinrichtungen und wenn ja, wie verändert dies die Struktur des Bibliothekswesens, die Finanzierung eingeschlossen? Ist diese Kategorisierung überhaupt noch sinnvoll? Sollte man damit werben?

Hier passt dann der Verweis auf den oben genannten Artikel aus der ZEIT. Eben dort wird ein Raum beschrieben – Mecklenburg-Vorpommern – der sich schleichend entdemokratisiert. Die ZEIT zitiert einen Absatz aus einem Artikel der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“:

„Wir dürfen nicht weiterhin die Bereiche Bildung und Erziehung den Etablierten überlassen. Unser Ziel muss es sein, einer charakterfesten, gesunden und allgemeingebildeten deutschen Jugend Raum zur Entfaltung ihrer Potenziale zum Wohle des gesamten Volkes zu geben.“
(Quelle: zeit online vom 18.11.2011)

Dieser Satz demonstriert, dass man sich mit dem Verständnis als Bildungspartner ohne Verweis auf die Demokratie und Demokratisierungsversuche auch in Gefahr begibt – wenn man denn als Einrichtung überhaupt noch existiert. Bibliotheken brauchen eine ganz eigene Agenda, die es dann prominent zu bewerben gilt. Es kann nicht nur die Leseförderung sein, nur weil sie gerade ein politisch beliebtes Schlagwort ist. Bibliotheken müssen eben deshalb im kleinsten ländlichen Raum existieren, um Räume für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schaffen, anzubieten bzw. auszufüllen. Diese Räume werden sonst anderweitig genutzt, bei entsprechender Struktur auch sehr effektiv.

Ich hätte also gerne ein Aufschrei aus dem Berufsstand. Nicht (nur) weil es möglicherweise weniger Jobs gibt, weil es weniger Leseförderung gibt oder weniger andere Leistungen der Bibliotheken, sondern weil es ein Angriff auf die Demokratie ist – wenn wir denn Bibliotheken in einen demokratischen Zusammenhang stellen. Eben deshalb müssen Bibliotheken auch als demokratischer Ort erfahrbar werden, sie sind es aktuell nicht. Auch deswegen ist z.B. es auch für die Kolleginnen und Kollegen aus Bayern oder aus dem Saarland oder auch aus Hamburg bedeutend, was in Mecklenburg-Vorpommern passiert.

Ich langweile mich bei vielen Leitbildern von Bibliotheken. Aktuell ist die Existenz einer Bibliothek davon abhängig (zumindest Öffentlicher Bibliotheken), wie hoch die Priorität für diese bei den Volksvertreterinnen und -vertretern ausgeprägt ist. Diese Volksvertreterinnen und -vertreter werden gewählt. In meinem Verständnis ist eine Bibliotheksleiterin oder ein Bibliotheksleiter daher prinzipiell verpflichtet, das Leitbild der Bibliothek zur Abstimmung zu stellen, was impliziert, dass es ein Leitbild geben muss. Ein großer Vorteil wäre hierbei, dass sich die bibliothekarische Arbeit nicht nur indirekt über die gewählten Volksvertreterinnen und -vertreter legitimiert, sondern das Miteinander in der Bibliothek von allen beteiligten Gruppen gemeinsam erarbeitet und vereinbart wurde.

So könnte ein erster Ansatz für Demokratisierung in und durch Bibliotheken aussehen. Es ist für mich ein großes Thema mit noch zu vielen unstrukturierten Gedanken, was sich sicherlich auch noch im verfassten Text wiederspiegelt. Ich möchte aber sehr gerne dazu auffordern, sich diesen Gedanken zu stellen.

Mein Auftrag ist nicht „sammeln, erschließen, vermitteln“ sondern „Demokratie erfahrbar machen“.

DonBib

Bestandsaufbau mit Profil – was kann man aus der Diskussion um Sarrazin lernen?

In Farbwechsel am 4. August 2011 um 16:48

In der Nachschau der Überlegungen zu Thilo Sarrazin ist mir beim durch die Gegend googeln ein Kommentar aufgefallen, der mich gleich wieder reizt noch einen Punkt nachzulegen.

Der allseits angesehene Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, Dr. Jan-Pieter Barbian schrieb in einer Diskussion auf dem netbib weblog (zum Thema Sarrazin in Bibliotheken) drei Punkte nieder, die für ihn (in einem Fall wie Sarrazin) wichtig sind für die Erwerbung in Bibliotheken. Diese drei Punkte möchte ich mal nutzen um darzulegen, wo meiner Ansicht nach das zentrale Problem aktueller Bestandspolitik und deren Umgang mit fragwürdigen Büchern etc. liegt – vielleicht führt es auch zur Frage und einer Antwort auf die Frage ob Bibliotheken tatsächlich Bildungseinrichtungen sind oder nur Medienverleihstationen mit Animationsanteil.

Hier die drei Punkte von Dr. Jan-Pieter Barbian (finden sich im vierten Kommentar):

  1. Erstens findet laut Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland eine Zensur ausdrücklich nicht statt – es sei denn, eine Publikation verstößt gegen Grund- und Menschenrechte
  2. Zweitens wurde das Buch im Rahmen des Service “SPIEGEL-Bestsellerliste” angeboten – wie in allen anderen Öffentlichen Bibliotheken Deutschlands auch
  3. Drittens sollen sich Menschen eine eigene Meinung bilden können – das ist nun einmal Demokratie

Der Reihe nach: heute bespreche ich Punkt eins – die anderen Punkte folgen in den nächsten Tagen. 

Punkt eins soll uns verdeutlichen, es bestünde kein Recht zu zensieren.

Wer also ein medial stark gefragtes Buch etc. nicht beschafft, der zensiert. So zumindest wäre meine Interpretation der Aussage Dr. Barbians.
Mir fehlt prinzipiell die Motivation ausführlich zu erklären, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare täglich bewusst und unbewusst „zensieren“ indem sie beurteilen und dann kaufen oder nicht kaufen, indem aussondern und prinzipiell schon indem sie manches Buch etc. ausstellen und andere nicht. Zudem halte ich den Begriff der Zensur schon für völlig falsch. Zensur wäre es, wenn der Zugang zum jeweiligen Buch etc. ohne Bibliotheken nicht möglich wäre. Dieser Fall ist fast nie gegeben.

Was der erste Punkte allerdings verdeutlicht ist, dass es nicht ausreicht sich ein schönes und glänzendes Leitbild für die Bibliothek zu schreiben. In einer offenen und demokratischen Gesellschaft reicht es nicht zu sagen (Bsp. Stadtbibliothek Duisburg):

- wir bieten unseren Kundinnen und Kunden ein aktuelles und nachfrageorientiertes Medienangebot

- wir zeichnen uns aus durch qualitätsvolle Medienauswahl und Informationsangebote

Notwendig ist es, sich neben einem deutlichen Leitbild auch ein klar definiertes Erwerbungsprofil zu erarbeiten. Sicher werden jetzt einige sagen: „Wann soll ich das noch machen?“. Denen sei aber gesagt, dass je klarer die vorhergehende Definition ist, nachfolgende Diskussionen umso geringer werden und Zeit sparen. Wer sich also in einem Erwerbungsprofil mit „Problembüchern“ auseinandersetzt und als Lösungsvorschlag z.B. folgendes nennt: „Wir können eine ausgewogene Diskussion mit diesem Buch nur im Zusammenhang mit Informations- und Diskussionsveranstaltungen gewährleisten.“ , der hat ein Argument an der Hand auch einen Thilo Sarrazin Bestseller nicht zu kaufen, wenn er eben die eigenen Voraussetzungen nicht erfüllt.
Wir haben nämlich einen Bildungsauftrag als Bibliotheken, deswegen stellen wir z.B. nicht mal einfach so rassistische aber nicht verbotene Bücher ins Regal.
Nehmen wir einfach mal an Holger Apfel hätte eben jenes Sarrazin-Buch geschrieben – inhaltlich sind dort kaum Unterschiede zwischen beiden – hätte es sicherlich keine Bibliothek dieses Landes erworben (außer jenen die es müssen), auch nicht stünde es auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Davon bin ich absolut überzeugt.

Wer jetzt fragt: „Woher soll ich Informations- und Diskussionsveranstaltungen bekommen ohne großen Kostenaufwand und wie gestalte ich die Diskussion weiter?“, der stellt wichtige Fragen. Für ersteres kann man folgende Ideen nennen: politische Stiftungen des Landes: die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Hans-Seidel-Stiftung, die Friedrich-Naumann-Stiftung oder z.B. die Bundeszentrale für politische Bildung. Für genau solche Fälle sind diese Stiftungen da und geben einem Möglichkeiten und Ideen.

Es ist aufwendig – ja – aber ich sehe es als notwendig an.

Eine weitere Diskussion zu gestalten ist da schon schwieriger. Da gilt es, wenn man sich auf den Erwerb eines solchen Buches eingelassen hat, die weitere Diskussion zu beobachten. Zu Sarrazins Buch sind beispielsweise mehrere weitere Bücher gekommen, die die Diskussion analysieren oder Sarrazin inhaltlich widersprechen und ihn kritisieren. Diese Dinge muss man dann zusammen bringen.

Mir ist, wie bereits gesagt, bewusst welche Kraftanstrengung dies beinhaltet.

Aber es muss das Ziel von uns Bibliothekarinnen und Bibliothekaren sein, auf solchem Niveau zu arbeiten und so zu agieren.
Diese beschriebenen Möglichkeiten sind meiner Meinung nach die einzig tatsächlich demokratischen.

Einen Sarrazin einfach ins Regal zu stellen – fünf Bände z.B. –  dann als Annotation die Meinung des Autors zu übernehmen (wie z.B. die Stadtbibliothek Bautzen) und zu erwarten jede Leserin und jeder Leser müsse in der Lage sein selbst alles zu durchschauen was Sarrazin schreibt und dies zu bewerten – diese Art des bibliothekarischen Handelns ist für mich kontraproduktiv und verantwortungslos.

Wenn wir so handeln, verzichte ich lieber auf eine Bibliothek.

Meine Idee in Kurzform: 

Ein zwingend zu erstellendes Leitbild und ein zwingend zu erstellendes Erwerbungsprofil verringern die Erklärungsnot bei der Erwerbung bzw. der Verweigerung des Erwerbs bestimmter Medien und geben Bibliotheken mehr Möglichkeiten zu demokratischem Handeln.
Auch Leitbilder und Erwerbungsprofile können zur Diskussion gestellt werden, in jeder Gemeinde, in jeder Stadt – in jeder Bibliothek. Wir sollten als Bibliotheken die Gesellschaft anleiten zu mehr Diskussion und mehr Demokratie!


DonBib

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