*Ultrà Biblioteka*

Mit ‘Demokratie in Bibliotheken’ getaggte Artikel

User Driven Innovation – so nah dran und doch so weit vorbei

In Dutt Up! am 29. März 2012 um 07:09

Jürgen Plieninger verwies gestern auf:

Kloiber, Miriam: Umstellung der Belletristikabteilung einer kleineren öffentlichen Bibliothek : Von alphabetischer Aufstellung zu einer Aufstellung nach mit den Lesern in Workshops erarbeiteten Interessenkreisen. – Berlin : Humboldt-Univ., 2012. (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 322)

Heute kam der glückliche Umstand meines überaus langen Arbeitsweges hinzu, weswegen ich diese Masterarbeit – voller Vorfreude – durchlesen konnte. Am Ende stand für mich dann die Frage, wie eine so schöne Idee so weit am naheliegenden vorbeischießen kann.

Miriam Kloiber beschreibt in ihrer lesenswerten Masterarbeit den Versuch, Interessenkreise einer kleineren Öffentlichen Bibliothek in Workshops erarbeiten zu lassen:

„Die Arbeit zeigt, wie sich eine Befragung der Nutzer über die Methode der Gruppendiskussion auf die Erarbeitung eines Sets an Interessenkreisen für die Belletristik niederschlägt und erläutert die konkrete Umsetzung des Vorhabens.“
(Quelle: http://edoc.hu-berlin.de/series/berliner-handreichungen/2012-322/PDF/322.pdf - Seite 4)

Begründet wird diese Idee mit Ansätzen aus dem Marketing der IT-Branche.

„Das eigentliche Ziel dieses Ansatzes besteht darin, in Erfahrung zu bringen, welches Produkt oder welche Dienstleistung am besten den Bedürfnissen des Kunden entspricht. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Anwender bzw. Nutzer am besten wissen, was für sie wichtig ist und was sie brauchen und dass die so entwickelten Produkte erfolgreicher sind als herkömmliche, bei denen ausschließlich Fachleute am Entwicklungsprozess beteiligt waren.“
(Quelle: http://edoc.hu-berlin.de/series/berliner-handreichungen/2012-322/PDF/322.pdf – Seite 23)

Folge ich dem Verständnis von Bibliothek das den Ausführungen der Autorin zugrunde liegt, dann ist die Arbeit in sich schlüssig und bietet eine wunderbare Grundlage für weitere Arbeiten in dieser Richtung.
Nun folge ich diesem Verständnis von Bibliothek leider nicht. Besucherinnen und Besucher von Bibliotheken sind nach meinem Verständnis keine Kunden, Bibliotheken keine Dienstleistungseinrichtung. Meinem Verständnis von Bibliothek liegt ein anderes Wort zugrunde: Demokratie. Dementsprechend sind bibliothekarische Einrichtungen aus meiner Sicht, in einem umsetzbaren Maß, demokratisch zu organisieren und somit mit einem demokratiefördernden Aspekt zu versehen. Interessant ist, dass man sich im bibliothekarischen Raum sehr gerne auf die Demokratie beruft – wenn es denn einen Vorteil bringt – Stichwort: „Aktivierung des Grundrechts der Informationsfreiheit aus Art. 5 GG.“.

Wie man es aber schafft eine ganze Masterarbeit über ein grundsätzlich demokratisches Mittel, nämlich Aushandlungsprozesse mit der bibliotheksnahen Umwelt, zu schreiben ohne ein einziges Mal das Wort „Demokratie“ zu nutzen, ist für mich unerklärlich.

Zwischen „User Driven Innovation“ und „demokratischer Aushandlungsprozess“ ist inhaltlich kaum ein großer Unterschied auszumachen. Das Verständnis das diesem Prozess zugrunde liegt, verändert aber bibliothekarische Arbeit fundamental.
Dementsprechend ergibt sich Kritik an der inhaltlichen Gestaltung der in der Masterarbeit beschriebenen Workshops erst bei einem Perspektivenwechseln hin zur Betrachtung bibliothekarischer Arbeit demokratiefördernder Arbeit.
Folgt man allerdings diesem Perspektivenwechsel, dann ist die Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops zu kritisieren (die Teilnahme muss frei möglich sein) und dann ist auch die Form des Aushandlungsprozesses während des Workshops zu kritisieren (einige Probleme greift die Autorin selbst auf).
Zudem kann ein solcher Aushandlungsprozess nicht in dieser Kürze stattfinden. Wer demokratisch handeln möchte, der muss dann auch akzeptieren, auch aus bibliothekarischer Sicht, dass diese Prozesse Zeit benötigen. Schulprogrammentwicklung als demokratisch organisierter Aushandlungsprozess nimmt zumeist ein volles Jahr in Anspruch. Schulen leisten sich diesen Aufwand für Aushandlungsprozesse, weil sie erkennen welche Vorteile sie bringen. Wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare sollten überlegen, ob wir uns diese Zeit auch nehmen wollen und ob wir bei und von Schulen nicht lernen können.

Aktuell sind Bibliotheken so organisiert, dass man dort teilnehmen kann: teilnehmen am Leben in der Bibliothek und teilnehmen an Veranstaltungen. Demokratisch organisierte Prozesse ließen Bibliotheksbesucherinnen und –besucher teilhaben – ein bedeutender Unterschied.

Miriam Kloiber hat eine wichtige Arbeit geschrieben. Es ist eine Arbeit, die einem Verständnis zugrunde liegt das ich nicht teile, aber es ist eine wichtige weiterzuentwickelnde Arbeit und durchaus eine Arbeit mit Vorbildcharakter.

DonBib

Demokratie und Bibliothek – eine kleine Idee aus Brandenburg

In Dutt Up! am 3. Januar 2012 um 12:20

Es ist nur eine Kleinigkeit, für mich aber fast schon eine Art Startschuss: Bibliotheken und Demokratisierungsprozesse.
Ausgerechnet das viel gescholtene Brandenburg (beispielhaft in undemokratischen Verfahren –> Stadtschloss Potsdam und die Rückbesinnung der älteren Jahrgänge (dabei auch viele ehemalige Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen der DDR) auf historisierndes, aus der Angst vor der unbekannten Zukunft) hat nun eine Idee vorangebracht, bei der das Wort Bibliothek nur am Rande fällt und doch, aus meiner Sicht, eine zentrale Idee beinhaltet.

Worum geht es also: Volksbegehren und diesbezügliche Gesetzesänderungen im Land Brandenburg.
Hier ein kurzer Überblick aus der TAZ:

Am Anfang steht die Volksinitiative:Dazu sind 20.000 Stimmen nötig, damit das Anliegen im Parlament, dem Brandenburger Landtag, diskutiert wird. Lehnt der Landtag die Forderung der Volksinitiative ab, können die Initiatoren zum Volksbegehren aufrufen. Dies muss innerhalb einer Frist von vier Wochen geschehen.

Für ein erfolgreiches Volksbegehren müssen 80.000 Stimmen innerhalb von künftig sechs statt bisher vier Monaten gesammelt werden.
(Quelle: taz.de)

Neu ist zudem das zulässige Wahlalter, das auf 16 Jahre verringert wurde.

Die für mich nun zündende Idee entsteht aus einem prinzipiell eher fragwürdigen Zustand:

Statt die freie Sammlung einzuführen, erlaubt die rot-rote Landesregierung, dass Stimmen per “Amtseintragung” erfolgen muss.
(Quelle: taz.de)

Zum Abgeben der Stimme müssen Brandenburgerinnen und Brandenburger also zum Amt und dürfen nicht, wie in anderen Bundesländern, auf der Straße, in der sogenannten freien Sammlung, ihre Stimme abgeben. Dies wird als größtes Hinderniss zum erfolgreichen Erfüllen des nötigen Quorums gesehen. Der springende Punkt ist nun folgende Neuerung:

Neu ist, dass die Stadt oder Gemeinde auch andere öffentliche Einrichtungen dafür bereitstellen kann, etwa Schulen oder Bibliotheken.
(Quelle: taz.de)

Die Bibliothek als Abstimmungsort für bürgerschaftliche Verfahren – eine großartige Idee.
Was bietet so eine Abstimmung nicht für Gelegenheiten für die Bibliotheken und ebenso für die Abstimmenden. ”Ideenbasare” und freie Informationsmöglichkeiten passend zur Abstimmung. Die Verbindung der Bibliothek mit dem zentralen Prozess der Demokratie, der Abstimmung, ist ein überaus hilfreiches Element für alle Seiten. Bibliotheken können somit ihre Rolle als Informationsvermittler wahrnehmen, sie können z.B. die Internetseiten der jeweiligen Pro und Contra Seite anbieten und dazu Literatur bereitstellen. Sie können lokale Diskussionrunden anregen, oder einfach gesagt: sie können Mittelpunkt der direkten Demokratie sein.

Das zeigt, dass auch aus einem eher Fehlerhaften Ansatz manchmal etwas schönes entstehen kann. Ich würde nun die Kritikpunkte mit den positiven Möglichkeiten verbinden: online-Abstimmungen erlauben und die Möglichkeit auch in der Bibliothek abstimmen zu können voranbringen, indem mit den entsprechenden von mir genannten Informationsmöglichkeiten geworben wird. Somit wäre es auch für finanziell nicht schlecht ausgestattete Initiativen möglich Informationen bereitzustellen, damit jeder selbst entscheiden kann. Für mich auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

DonBib 

Aufklärungsinstanz Bibliothek – Dagmar Giersberg im Gespräch mit Hermann Rösch

In Dutt Up! am 8. November 2011 um 00:23

Auf der Homepage des Goethe Instituts findet sich in der Rubrik „Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion“ ein Interview, das Dagmar Giersberg mit Hermann Rösch führte. Thema war die Rolle der Bibliotheken bzw. der Bibliothekarinnen und Bibliothekare als aktive Teilnehmer im politischen System.

Das kurze Resümee: einige Merkwürdigkeiten in der  Argumentation, aber im Allgemeinen völlig richtig.
Eine Frage entsteht aber: wenn die Erkenntnis einer Notwendigkeit an Fähigkeiten und Kompetenzen die Bibliothekarinnen und Bibliothekare benötigen da ist, wieso spielt sie dann keine Rolle in den von Hermann Rösch begleiteten und betreuten bibliothekarischen Studiengängen?

Aber von vorne: einleitend  wird eine Funktion von Bibliotheken benannt, die ich so quasi noch gar nicht lesen durfte:

Als Garanten der Informationsfreiheit sorgen Bibliotheken für Transparenz und unterstützen damit den Kampf gegen Korruption.
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

und weiter

Bibliotheken sind prinzipiell Einrichtungen, die wesentlich zur informationellen Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger beitragen.
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

Er beschreibt hier den Ausgleich eines Wissensungleichgewichts zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Regierung, sicherlich ein Verweis auf Artikel 5 des Grundgesetzes. Seiner Meinung nach bedeutet dies, dass die Versorgung mit Informationen die Voraussetzung für Meinungsfreiheit und Demokratie ist. Das ist durchaus richtig, nur ergibt sich die Demokratiefähigkeit eines Menschen nicht nur aus der Informationsfreiheit. Letztere ist nur ein Teil eines großen Konvoluts an Fähigkeiten und Kompetenzen (deren Förderung ein zentraler Teil bibliothekarischer Arbeit sein sollte), die zur Ausübung aktiver demokratischer Teilhabe nötig sind.

Jetzt folgt der etwas merkwürdige Teil der Aussagen. Rösch benennt, wie schon öfter, diese merkwürdige „Qualitätsgarantie“ – woher auch immer sie kommen mag und was auch immer sie sein mag. Zudem bezeichnet er Bibliotheken als ökonomisch unabhängig, was sicherlich nur richtig ist wenn man eine Bibliothek als Einrichtung völlig aus seiner Umwelt herauslöst. Anders formuliert: es ist Käse! Selbstverständlich sind Bibliotheken ökonomisch abhängig, nämlich vom Staat bzw. dem Wohlwollen der Bürgerinnen und Bürger. Dem folgt eine „Verpflichtung zur Neutralität“, der sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare offensichtlich unterwerfen sollen.
Diese „Verpflichtung zur Neutralität“ ist, ohne klare Benennung und differenzierte Diskussion des Inhalts dieser Neutralität, nichts anderes als eine Nebelkerze, wenn auch eine politisch wohlklingende. Den Sinn dieser Aussagen kann ich nur schwer erkennen, sie mildern die richtigen Aussagen drumherum auch durchaus ab.

Die Bibliothekarin bzw. der Bibliothekar als einziges ökonomisch völlig unabhängiges und daher neutrales Wesen mit eingebauter Qualitätsgarantie – so formuliert enthält es einen gewissen Grad an Lächerlichkeit.

Weiter im Text: die Interviewerin stellt nun eine enorm bedeutende und sehr gut formulierte Frage:

Sind sich die Bibliothekarinnen und Bibliothekare in Deutschland bewusst, dass sie für die demokratische Meinungsbildung eine wichtige Rolle spielen?
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

Hier hätte nun, bei ehrlicher Betrachtung, ein klares „Nein“ folgen müssen. Stattdessen folgt ein abfedernder Verweis auf die Geschichte des Bibliothekswesens und die bereits in Frühzeiten dieser Geschichte bestehenden demokratische Strukturen anstrebenden Lesegesellschaften. Auch die dann folgende kurze Auseinandersetzung mit dem IFLA-Manifest (zu Transparenz, verantwortungsbewußter Regierungsführung und Korruptionsfreiheit) ist nicht wirklich zielführend. Diese Manifeste sind doch zu oft eher etwas für die Lobbyarbeit nach außen, weniger nach innen. Ich bezweifle ganz stark, dass mehr als 1% der Bibliothekarinnen und Bibliothekare dieses Manifest jemals gelesen haben.

Zum Abschluss wird dann die Frage gestellt, was Bibliothekarinnen und Bibliothekare denn konkret tun können, um ihrer Aufklärungsrolle mehr Ausdruck zu verleihen? Die Antwort von Rösch ist dezent und passiv:

Die Auffassung von ihrem Beruf ist in der täglichen Praxis der Bibliothekare in Deutschland stark auf die Bereitstellung und Erschließung von Medien bezogen – und viel weniger auf eine aktive Rolle im politischen System.
(Quelle: Goethe-Institut e. V.: Aufklärungsinstanz Bibliothek: Ein Gespräch mit Hermann Rösch)

Eher frei und nicht so dezent formuliert: es besteht fast kein Interesse an dieser politischen Auffassung vom Beruf. Oder noch härter: es mangelt an grundlegendem Wissen zum Erlangen dieser poltischen Auffassung.
Nun gut, an der letzten Formulierung habe ich jetzt minutenlang rumüberlegt, sie ist etwas hart, aber ich lasse sie mal als Stichelei drin.

Man kann nun fragen, warum denn grundlegende Inhalte einer “politischen Auffassung des Berufs” gar nicht erst im Studium vermittelt werden. Auch nicht bei Hermann Rösch, zumindest konnte ich weder im Modulbuch “Bachelor-Studiengang Bibliothekswesen”  noch im Modulhandbuch zum “Master in Library and Information Science” (beides Instituts für Informationswissenschaft der FH Köln) dazu etwas finden. Aber ich lasse mich gerne belehren.

Richtig bleibt, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare endlich auch eine Rolle im politischen System erkennen und einnehmen müssen. Bei der Schönrederei mit politischer Schlagwortwerferei sollte es nicht bleiben. Hierfür muss man aber für das Studium grundlegende Fragen stellen. Ein Beispiel ist die Frage, ob auch (wie auch im Bildungssystem im Allgemeinen) in den bibliothekarischen Studiengängen (nicht nur in Köln) viel zu viel Augenmerk auf das stumpfe auswendig lernen von Fachwissen gelegt wird. Meine Erfahrung sagt ja. Auch wenn es aktuell erst ein Seminar war (also ca. 16 Stunden von Freitag bis Sonntag), dass ich im Masterstudiengang der FU Berlin besuchen durfte, muss ich feststellen, dass die Konzentration auf die Auseinandersetzung mit Teilen eines Themas sehr viel zielführender ist, als die – grob formuliert – aneinandergereihten und zum klausurbereiten Auskotzen gelernten riesigen Mengen an „Fachwissen“.

Wenn also die Aufgaben der Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich ändern sollen, so wie es Hermann Rösch zum Teil sehr richtig beschreibt, muss sich auch der Weg dorthin – das Studium – ändern. Diesen Teil lässt Rösch aus.
Daher wirken seine Aussagen auch reichlich wohlfeil auf mich.

DonBib

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