*Ultrà Biblioteka*

Mit ‘Bestseller’ getaggte Artikel

Auf der Strecke bleibt der Auftrag, den Kühlschrank mit den Grundnahrungsmitteln zu füllen

In Dutt Up! am 9. Januar 2012 um 09:20

Bei der Wahl der Badewannenlektüre fiel meine Auswahl gestern auf mein heiß geliebtes Abo von “der Freitag”.
Wie immer habe ich die Lesestunde mit der Abteilung Zeitgeschichte begonnen. Dort fand sich in der aktuellen Ausgabe ein Artikel mit dem Titel: “1982 – Immer der Nase nach”, verfasst von Conrad Menzel (der Artikel ist auch online verfügbar –> HIER). In diesem Artikel setzt sich Conrad Menzel anhand eines Films mit der Entwicklung der Öffentlich-Rechtlichen Sender auseinander.

Piratensender Powerplay ist auch nach 30 Jahren ein kaum erträglicher Film. Das liegt an stumpfen Zoten und daran, dass er Fehlentwicklungen des Rundfunks vorwegnimmt
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Dann ein nicht außergewöhnlicher, aber doch ganz guter Text, der im Weiteren folgendes hervorbringt:

Das Vierte Rundfunkurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1986 zimmert schließlich den gesetzlichen Rahmen für die duale Rundfunkordnung. Danach soll die Grundversorgung künftig Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen sein, da sie durch die Rundfunkgebühren nicht wie die Privaten auf Einschaltquoten angewiesen sind und über die größte Reichweite verfügen. Hinsichtlich der Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist Piratensender Powerplay ein Blick in die Glaskugel. Denn als Müller-Hammeldorf vom Bayerischen Rundfunk vor die Wahl gestellt wird, ob er eigenes Programm verbessern oder den privaten Piraten hinterher hecheln soll, tut er Letzteres.
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Nach diesem Absatz habe ich dann doch ein bißchen überlegt. Was die Einschaltquote für die Fernseh- und Radiomacherinnen und -macher ist, ist für den gemeinen Duttträger bzw. die gemeine Duttträgerin die Zählung der täglichen Besucherinnen und Besucher bzw. die Ausleihzahlen. Betrachtet man dies so, ergibt sich eine interessante Parallele. In gewisser Weise sind wir in unserem Berufsstand, samt der dazugehörigen Einrichtungen, durch die öffentliche Finanzierung entbunden uns nach der Einschaltquote zu richten. Nun kann man aber die selbe Fehlentwicklung, wie die im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, auch in Bibliotheken beobachten. Bibliotheken stellen eine Art Grundversorgung dar, auch wenn der Gesetzgeber es offensichtlich nicht so deutlich definiert, streben aber zu oft als Rechtfertigung hohe Einschaltquoten an.

Die inhaltliche Annäherung des öffentlich-rechtlichen an das private Programm – die gerichtete Konvergenz – setzte sich nach 2000 mit Casting- und Koch-Shows, Telenovelas oder Dokutainment über Auswanderer und Rückkehrer fort. Der Abklatsch erfolgreicher privater Formate mutiert zum unkontrollierbaren Reflex der Öffentlich-Rechtlichen. Auf der Strecke bleibt der Auftrag, den Kühlschrank mit den Grundnahrungsmitteln zu füllen: Information, Kultur, Bildung. Stattdessen gibt es Brei, an dem die Öffentlich-Rechtlichen kräftig mitrühren. Die richterliche Annahme, dass aus der Einfalt vieler Vielfalt entsteht, hat sich nicht bestätigt. Fordert man Anspruch und Innovation, verweisen die Öffentlich-Rechtlichen auf Sender wie 3Sat, Arte, ZDFneo oder den Deutschlandfunk. Dort findet man durchaus Qualität, doch hätte deren Programmauftrag einen festen Platz in der ersten Reihe verdient.
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Wenn ich nun ein paar Begriffe ersetze ergibt sich folgendes: Buchhandlungen (private Sender) <–> Bibliotheken (Öffentlich-Rechtliche Sender). Ein letztes Zitat aus dem Artikel:

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der den unverzichtbaren, dienenden Auftrag hat, die Grundversorgung im Sinne der Rundfunkfreiheit zu gewährleisten, darf Quote nicht die einzige Währung sein.
(Quelle: der Freitag vom 05.01.2012)

Die dutttragende Variante der Einschaltquote ist also keineswegs auszuschließen, nur sollte sie nicht den aktuellen Stellenwert besitzen. Zudem ist und bleibt das Thema Bestsellerliste zu diskutieren.

Nach Bestsellerlistenvorgaben erwerbende Bibliotheken sind das Äquivalent zum unkontrollierbaren Reflex der Öffentlich-Rechtlichen Sender erfolgreiche private Formate zu kopieren.

DonBib

Selbstzensur, Zensur, Alltag? Differenzieren lohnt sich!

In Farbwechsel am 17. August 2011 um 08:36

Im netbib Blog fand sich in den Kommentaren jetzt ein Hinweis auf einen Zeitungsartikel zum “Thema Benutzung des Buches im Würmtal” (es geht schon wieder um Sarrazin). Dort wurde u.a. die Diskussion innerhalb der Gemeinde Planegg und deren Gemeindebücherei nachgezeichnet. Ursula Thym, bis April 2011 die Leiterin der Gemeindebücherei Planegg, verweigerte die Anschaffung des Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ mit folgenden im nachlesbaren Aussagen:

„Solange die Nachfrage auf niedrigem Niveau bleibt, werden wir das Buch nicht bestellen“, sagt Ursula Thym, Leiterin der Planegger Gemeindebücherei. Sie hat den umstrittenen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ zwar noch nicht gelesen, bei der Zeitungslektüre jedoch den Eindruck gewonnen, dass in dem Buch rassistische Thesen verbreitet werden. „Das sollte man nicht unterstützen“, sagt Thym. Sollte die Nachfrage jedoch explodieren, werde sie sich im Rathaus rückversichern, bevor das Buch bestellt werde. (Quelle Merkur Online)

Eine, wie ich ja schon ausführlich beschrieben habe, absolut nachvollziehbare Haltung bzw. Aussage. Vor allem aber auch eine Aussage die durchaus Mut erfordert. Warum Mut? Die Antwort darauf findet sich u.a. in den Kommentaren des Artikels.
Laut Dr. Barbian (im netbib Blog) wäre dieses Handeln eine Form von zu verurteilender Zensur und sicherlich würden dies noch viele andere Kommentatorinnen und Kommentatoren so unterschreiben.

Das Handeln der ehemaligen Leiterin der Gemeindebücherei Planegg folgt aber genau dem moralischen Weg, den ich bevorzugen würde. Ursula Thym stellte sich mit ihrer Meinung der Öffentlichkeit und damit auch der Diskussion in der Gemeinde. Erst daraus konnte tatsächlich eine Diskussion entstehen, der sich eben jeder der das Buch einfach in sein Bibliotheksregal stellt entzieht.

Witzig und gleichzeitig das “Problem” Zensur verdeutlichend ist dann der nächste Absatz des Zeitungsartikels:

„Wir kaufen es, schließlich spricht momentan jeder darüber, und das Buch ist nicht verboten worden. Es gibt ja die freie Meinungsäußerung“, sagt Neurieds Bücherei-Chefin Irene Latka. „Feuchtgebiete habe ich damals nicht bestellt, das war unter der Gürtellinie.“  (Quelle Merkur Online)

Eine faszinierende Variante von: “Wie widerspreche ich mir innerhalb von zwei Sätzen”. Ich finde es allerdings auch gar nicht so schlimm. Es ist eben genau das was eben doch jede Bibliothekarin und jeder Bibliothekar tut – bei jedem Krimi und bei jedem Sachbuch – er “zensiert” entsprechend seinen eigenen moralischen Vorstellungen und muss selbst entscheiden, ob er dem Diktat der Bestsellerlisten folgt.

Insofern lohnt sich die Debatte um Selbstzensur, wie der Merkur Online es im Titel des Artikels nannte, Zensur, wie Dr. Barbian es nannte oder Alltag, wie ich es nennen würde. Nicht jede Situation ist gleich und lässt sich mit dem Schlagwort Zensur einordnen. Verschiedene Aspekte differenziert zu betrachten ist eine Notwendigkeit der Zensurdebatte.

Es lohnt sich eben doch, kraftraubend und immer wieder aufs Neue zu fragen: “Kann ich meine Arbeit mit meinen moralischen Vorstellungen vereinbaren?”.

Es lohnt sich eben doch, die eigenen Vorstellungen zur Diskussion zu stellen – eine Grundvoraussetzung für alle demokratischen Prozesse – denn erst daraus entwickeln sich die Grundlagen für gemeinsames und verantwortliches Handeln.

DonBib

Bestandsaufbau mit Profil – der Heilige Gral: die Bestsellerliste

In Farbwechsel am 11. August 2011 um 20:02

Nachdem ich mich mit dem ersten der drei von Dr. Jan-Pieter Barbian in einer Diskussion auf dem netbib Weblog (zum Thema Sarrazin in Bibliotheken) genannten Punkte – kurz: Zensur und der Umgang mit emotionalisierenden und emotionalisierten Büchern – bereits beschäftigt habe, folgt nun der zweite Teil. Dieser beschäftigt sich mit folgendem – ich zitiere ihn noch einmal – Punkt:

Zweitens wurde das Buch im Rahmen des Service “SPIEGEL-Bestsellerliste” angeboten – wie in allen anderen Öffentlichen Bibliotheken Deutschlands auch.

Dieser Punkt offenbart gleich zwei Themen, die ich für sehr unreflektiert halte – dies betrifft aber nicht nur Dr. Barbian sondern viel zu viele andere Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die ich auf die gleiche Weise schon habe argumentieren hören. Ich beginne mal mit dem zweiten Teil des Zitats:

[…] wie in allen anderen Öffentlichen Bibliotheken Deutschlands auch.

Kurz gesagt: langweilig! Eine Vorgehensweise wird nicht deshalb richtiger, weil alle anderen es auch so machen. Ich kann und darf da argumentativ ein bisschen mehr erwarten. Nur weil mittlerweile „alle“ Öffentlichen Bibliotheken völlig unreflektiert die Bestsellerlisten rauf und runter kaufen, ist es noch lange kein belegbar erstrebenswertes und vorbildhaftes Ziel so zu handeln. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema Bestsellerliste wäre reflektiert. Daher nun auch der erste Teil des Zitats:

Zweitens wurde das Buch im Rahmen des Service “SPIEGEL-Bestsellerliste” angeboten […].

Hier ist er also, der Heilige Gral der Öffentlichen Bibliotheken: die „Spiegel-Bestsellerliste“. Eine ganze Berufsgruppe strebt also danach denjenigen Büchern mit dem höchsten Werbeaufwand, den besten Marketingstrategien und den meisten Unterstützerinnen und Unterstützern zu huldigen – Herzlichen Glückwunsch.

So, diese kleine Polemik zu Beginn erheitert doch das weitere lesen des Textes.
Unabhängig von der Frage, wieso einige wenige Massenmedien einer Bildungseinrichtung die Ausrichtung des Bestandes diktieren, lohnt sich doch an dieser Stelle die Auseinandersetzung mit der Rolle des eigenen Berufsstandes. Einige Fragen dazu:

  • Sind wir nur Bibliotheksverwalterinnen und Bibliotheksverwalter?
  • Wenn ja, muss man für diesen Verwaltungsjob ein bibliothekswissenschaftliches Studium absolvieren?
  • Sind wir, wie Detlev Hoffmeier es im netbib Weblog schrieb, tatsächlich nur “Kulturfolger”?

Mit all diesen Fragen gilt es sich in Diskussionen auseinanderzusetzen!
Hinter der Frage, ob wir blind massenweise die Bestsellerlisten rauf und runter kaufen, steckt nun letztlich nicht nur ein rechtlicher Aspekt, den Gabriele Beger und Eric W. Steinhauer schon beleuchtet haben oder ein sozialer Aspekt, den der Arbeitskreis Kritischer BibliothekarInnen  bereits ausführlich beleuchtet hat, sondern die Frage vom Selbstverständnis des Berufsstandes. Letztlich hat Detlev Hoffmeier es mit seinem Kommentar genau auf den Punkt gebracht (auch wenn ich seine Schlussfolgerung für mich persönlich z.T. unerträglich finde):

Bibliotheken sind nämlich keine Agenda-Setter, sie sind Kulturfolger.

Dieser Satz ist ein Abgesang auf die „Bildungseinrichtung“ Bibliothek und somit das Gegenteil: ein Loblied auf die bereits von mir erwähnte „Medienverleihstation mit Animationsanteil“.
Damit sich der Berufsstand dann auch nicht vollständig langweilt, darf er je nach Lust und Laune hier ein paar Krimis mehr und da ein paar Geschichtssachbücher weniger bestellen um der Bibliothek einen „eigenen“ Anstrich zu geben. Den Rest erledigt die Standing Order.

Ja, ich weiß – man sollte den Bestandsaufbau nicht an den Bestsellern ausmachen.

Ja, ich weiß auch, dass die allermeisten Bibliotheken wesentlich mehr bieten als nur das einfache Bücher kaufen und ins Regal stellen. Es gibt aber zwei Punkte die hier wichtig sind:

  1. Es sollten gerade Bibliothekarinnen und Bibliothekare sein, die das Prinzip Bestsellerliste in Frage stellen. Denn eines ist klar, folgen Bibliotheken bedingungslos dem Prinzip Bestsellerliste mit entsprechendem „Bestsellerservice“, dann schwächen sie den restlichen Bestandsaufbau, weil die Mittel für die weitere Beschaffung von Bestseller genutzt werden. Dies gilt es deutlich zu kritisieren! Ist es hingegen kostenneutral oder verdient die Bibliothek sogar daran, ist es rechtlich fragwürdig und gesellschaftlich erst recht.
  2. Bibliotheken sollten niemals Kulturfolger sein. Bibliotheken sind, wie Schulen auch, die Grundlage für entstehende Kultur, sie sind Kulturunterstützer- und Förderer.

Wie bereits beim ersten Teil nun meine Ideen zum Nachdenken in Kurzform:

Bibliothekarinnen und Bibliothekare müssen ihr Berufsbild neu überdenken.
Man muss seine Rolle in der Gesellschaft finden. Sollen Bibliotheken einen Bildungsauftrag haben, dann geht damit der gesellschaftliche Auftrag einher. Stellen wir uns dieser Aufgabe, dann muss aber – zumindest für den Bereich der Öffentlichen Bibliotheken – das Berufsbild vollständig verändert werden. Es muss der im Berufsstand akzeptierte Berufsalltag durchleuchtet werden.
Darf es weiterhin richtig sein, sich immer mehr von eigener Verantwortung für den Bestand zu lösen?

Kundenorientierung heißt in Bibliotheken zumeist: ich biete an was der Kunde will. In der Wirtschaft heißt Kundenorientierung viel eher: wie schaffe ich es, dass der Kunde mein Produkt will.

In der Schule heißt es: was möchte die Gesellschaft, dass unsere Kinder lernen? Das sollte es in einer Bibliothek auch heißen.

DonBib

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