*Ultrà Biblioteka*

Mit ‘Bestandsaufbau’ getaggte Artikel

Auch Neonazis machen Musik

In Bib ’n’ Roll, Six Books Under am 22. Oktober 2012 um 15:07

Viele Öffentliche Bibliotheken verfügen über einen ausgesprochen ausgeprägten Bestand an Musikmedien. Nicht immer werden CDs von Künstlern anhand von Bestseller-Listen ausgewählt und erworben, auch Bibliotheksnutzer können sich mit entsprechenden Wünschen an die Bibliothek wenden. Bei externen Musikwünschen kann es allerdings vorkommen, dass musikalische Erzeugnisse zum Kauf vorgeschlagen werden, die auf den ersten Blick zwar unverfänglich aussehen und so gar nicht nach menschenverachtender Musik klingen, bei näherer Betrachtung allerdings ihre rassistische und gewaltverherrlichende Bandbreite offen zur Schau stellen. Das Spektrum an neonazistischer Musik hat sich in den letzten Jahren stark ausdifferenziert. Vom schlichten Pop, über Hip-Hop bis hin zum Hardcore-Punk wurden Genres besetzt, die noch bis vor zehn Jahren als „unpolitisch“ galten – in jedem Falle aber nicht rechts.
Für unbedarfte Bibliothekare scheint es nahezu aussichtslos, die Masse an Bands zu überschauen, die sich dem „Rechtsrock“ verschrieben haben. Relativ oberflächliche bzw. veraltete Hilfestellungen für Bibliotheken finden sich hier oder in Form von etwaigen Verfassungsschutz-Publikationen. Einen umfassenden Einblick ins Genre “Hardcore-Punk” bieten zwei kürzlich erschienene Buchtitel.

Der Artikel erschien zuerst auf lauterbautzner.blog.de

“Immerhin klärt der Verfassungsschutz verstärkt darüber auf, wie Städte Konzerte untersagen können.” (Sächsische Zeitung vom 19.10.)

Ausgehend von dieser famosen Feststellung, möchte ich kurz auf zwei Bücher verweisen. Es geht um “Blut muss fließen” von Thomas Kuban (Campus-Verl., 2012) sowie “Out of step” von Ingo Taler (Unrast-Verl., 2012). In beiden Titel geht es um Rechtsrock, dessen musikalische Spielarten und textliche Auswüchse sowie deren nachhaltige Wirkung auf (meist jüngere) Menschen.

Kubans Buch, das zuvor als Dokumentar-Film auf der Berlinale Premiere feierte, ist das Ergebnis seiner Recherchen im neonazistischen Konzert-Spektrum. Über zehn Jahre stürzte sich der Journalist mit einer Knopfkamera im Knopfloch seines Poloshirts (schwarz/weiß/roter Kragen) waghalsig in die Untiefen der konspirativ geplanten Rechtsrockkonzerte. Er liefert damit Einblicke in einen bis dahin für die Außenwelt unzugänglichen Kosmos. Rund 50 Rechtsrockkonzerte besuchte Kuban undercover, auch in Bautzen. Von vielen dieser Zusammenkünfte wusste einer nichts – der Verfassungsschutz. Und das, obwohl sich nachweislich V-Männer die Konzerte planten auf den Gehaltslisten der Inlandsgeheimdienst-Ämter befanden. Während seiner lebensgefährlichen Expeditionen ins (4.) Reich des vertonten Menschenhasses, verschlug es den Autor auch hin und wieder zu öffentlich und intern geführten Wahlkampfveranstaltungen der NPD, CDU und CSU. Inhaltliche Abgrenzungen zwischen “Rechts” und “Mitte”: nicht mehr erkennbar.

Das andere Buch, “Out of step”, behandelt die gemeinsame Historie des Hardcore-Punk und dem daraus hervorgehenden Rechtsrock bzw. NS-Hardcore. In seiner umfänglichen Schrift setzt sich der Autor mit den Anfängen und mannigfachen Spielarten der Hardcore/Punk-Bewegung in den USA und Europa auseinander. Hierbei weißt Taler die allseits verwendeten Auffassung “Hardcore sei eine dezidiert linke Veranstaltung” entschieden zurück. Anhand umfangreicher Lied-Textanalysen von Bands wie Agnostic Front, Mad Ball oder Sick Of It All wird der latente Hang zu chauvinistischen und nationalistischen Einstellungen deutlich. Angereichert mit einem stark männlichen und gewaltverherrlichenden Habitus bieten solche und andere Bands perfekte Anknüpfungspunkte für konsequent neonazistisch agierende Musikgruppen.

Beide Werke stellen auf ihre eigene Art Standardwerke dar. Das eine, weil es einen erschütternden Einblick auf bis dato unerforschtes Land bietet. Das andere, weil es in seiner Tiefgründigkeit alles bisher Dagewesene übertrifft.

LeoT

Standing Order als Facebook-Werbung

In Dutt Up! am 5. September 2012 um 10:15

Vor ein paar Tagen kam hier per Standing Order folgendes Buch an: Panter, Roland: IKnow Facebook.
Mein erster Gedanke war ja: wer braucht sowas? Facebook ändert doch gerne an seinen Inhalten herum – auch ohne davon laut zu sprechen – wie lange bleibt so ein Buch dann aktuell? Das nachfolgende Herumschmökern im Buch war dann ein sehr schönes Stirnrunzeltraining. Ich war nämlich gespannt, wie der Autor den Widerspruch zwischen der enormen Kritik an Facebook und einer Anleitung hinbekommen möchte.
Die Lösung: die Kritik ist doch gar nicht so schlimm… reden wir also nicht viel darüber.

Mal ehrlich, klar kann man bei Facebook nicht all seine Daten löschen und selbst wenn kann man es nicht kontrollieren, aber:

“Du solltest dich jedoch fragen, wie “schlimm” du es findest, dass Facebook diese Protokolle führt. Bisland sind keine Fälle bekannt, in denen das negative Auswirkungen hatte.”
(Quelle: Panter, Roland: Facebook – S. 43)

Aus Sicht einer verantwortlich arbeitenden Bibliothek gibts da gar nichts mehr anzufügen. Mit Blick auf die ekz hingegen schon –> retour.

DonBib

Buchempfehlung

In Six Books Under am 30. Juli 2012 um 11:20

Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz : von Galton zu Sarrazin ; die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik / Michael Haller ; Martin Niggeschmidt (Hrsg.)

Eine Aufsatzsammlung, die sich mit nichts anderem beschäftigt als den Quellen Sarrazins nachzugehen, oder wie es die Frankfurter Rundschau schreibt: “Sarrazins Quellen, Fakten und Schlüsse seriöser wissenschaftlicher Prüfung zu unterziehen”. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich ganz gut aus einigen Rezensionen ablesen:

Die Stärke dieser Beiträge ist es, die politische Motivation der Verwendung wissenschaftlicher Befunde aufzuzeigen – daneben wird zugleich sichtbar, dass eine ganze Reihe von ideologisch motivierten Aussagen wissenschaftlich nicht haltbar sind und auf Missverständnissen bzw. fehleranfälligen Grundannahmen beruhen.
(Quelle: Blog des psychologischen Instituts Heidelberg)

Regelrecht peinlich für Sarrazin wird es, wenn der Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, Diethard Tautz, ihn darauf hinweisen muss, dass Intelligenz keine monogenetische Eigenschaft ist, die nach den Mendelschen Gesetzen vererbt wird – wie der Ex-Banker laienhaft, aber umso sturer behauptet.
(Quelle: Frankfurter Rundschau)

Das von Haller und Niggeschmidt herausgegebene Buch ist im besten Sinne aufklärerisch: Auf fast jeder Seite geht einem ein Licht auf.
(Quelle: Die Welt)

Dazu ein sehr interessantes Interview mit Michael Haller bei dastandard.at.

Kaufen die Öffentlichen Bibliotheken dieses Buch jetzt auch alle? So von wegen Aufklärung und Dienstleistung und Bildungseinrichtung usw.? Ich recherchiere mal ein bißchen.

DonBib

*via Wolfgang Kaiser*

“Wissen trifft” Wirklichkeit – Rassismus und eine Kultureinrichtung

In Farbwechsel am 10. Juli 2012 um 10:13

Die Diskussion um die Stadtbibliothek Hans Fallada in Greifswald ist noch voll im Gange (*Ultrà Biblioteka* berichtete), da tut sich eine neue schwerwiegende Diskussion auf. Diesmal trifft es die Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder). Der Blog “Lauter Bautz’ner” berichtet in einem unbedingt lesenswerten Artikel “Rassismus und eine Kultureinrichtung” über die unreflektierte Erfüllung des, auch im Code of Ethics des BID beständig hochgehaltenen, “Kunden- bzw. Kundinnenwunsches” und den entsprechenden Folgen.

Im Ergebnis bedeutete dies hier die widerspruchslose Beschaffung eines rassistischen Werkes:

Zum Beispiel Udo Ulfkotte. Von diesem Vertreter seiner Zunft gibt es gleich vier Bücher im Bestand der Bibliothek. Sein neuestes Werk trägt den viel versprechenden Titel: “Albtraum Zuwanderung”. Und es trieft nur so vor rassistischen Ressentiments gegen alles, was nicht christlich oder deutsch oder beides zusammen ist. Unter anderem wünscht sich der Autor die “Kasernierung und Deportation vagabundierender krimineller Roma”.
(Quelle: Lauter Bautz’ner)

Begründet wurde die Anfrage mit einer vor Nationalismus triefenden und mit einem Verweis auf eine rechtspolulistische Zeitung, die Junge Freiheit, befütterte Email:

Nun komme ich zu meiner Bitte. Der eben genannte Udo Ulfkotte veröffentlichte letztes Jahr das Buch “Albtraum Zuwanderung”. Darin wird abermals und noch deutlicher beschrieben, welche finanziellen Ausmaße Deutschland die (Nicht-)Integration von arbeitslosen Ausländern kostet. Dieses Buch wurde unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Siehe: http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display-mit-Komm.154+M55ee33f54ab.0.html?&tx_ttnews%5Bswords%5D=ulfkotte
(Quelle: Lauter Bautz’ner)

Im Resümee heisst es:

Demokratische Vielfalt, nicht nur diejenige auf irgendwelchen Positionsapieren, kann durch die unverantwortliche/naive Haltung des Bibliothekswesens gegenüber seinen sozialen und politischen Umfeldern leicht in eine undemokratische Richtung kippen. Das passiert nämlich genau dann, wenn Nazis die bibliothekarische Lethargie als Spielwiese für ihre menschenverachtende Ideologie erkennen und missbrauchen. Aber es müssen natürlich nicht immer plakative Neonazis sein, die sich ihren ganz eigenen Handbestand in der Bibliothek aufbauen. Auch ganz gewöhnliche Bürger einer Stadt können solche Medien nutzen, um sich rein fachlich gegen eine Unterbringung von asylsuchenden Menschen in Stellung zu bringen.
(Quelle: Lauter Bautz’ner)

Der Artikel findet sich vollständig hier: KLICK MICH

DonBib 

Zu kurz gedacht – Anmerkung zur Stadtbibliothek Greifswald

In Farbwechsel am 5. Juli 2012 um 08:58

Seit einigen Tagen rumpelt es in Greifswald. Die Bibliotheksleiterin der Stadtbibliothek Hans Fallada in Greifswald, Angelika Spiecker, muss sich aktuell den Vorwurf der Zensur anhören. Grund hierfür ist, dass die linke Tageszeitung „Junge Welt“ nun nicht mehr Teil des Bibliotheksbestandes ist. Prinzipiell ist das ja – die Verringerung des Zeitungs- oder Zeitschriftenbestandes – ein üblicher Vorgang. Begründet wurde dieser Vorgang durch die Bibliotheksleitung hier aber mit der „Akzeptanz von Gewalt zur Umsetzung politischer Ziele” innerhalb der Zeitung. Nun ist das ja schon eine etwas merkwürdige Begründung. Ich meine mich zu erinnern, dass der ja so heiß geliebte Bundespräsident Joachim Gauck ähnliches neulich bei einem Besuch der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg formulierte:

Die Abscheu gegen Gewalt sei zwar verständlich, und Gewalt werde immer ein Übel bleiben, sagte Gauck in Hamburg. “Aber sie kann – solange wir in der Welt leben, in der wir leben (…) – notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden oder zu unterbinden”
(Quelle: Der Spiegel)

Das ist natürlich jetzt blöd gelaufen für die Bibliotheksleiterin. Aber auch darüber kann man hinweg sehen. Ich z.B. teile den Gedanken des Bundespräsidenten überhaupt nicht, seine Aussagen sind auch z.T. sehr kritisiert worden und es bleibt letztlich bloß eine Meinung. Was jetzt das eigentliche Problem darstellt ist der dem angefügte Satz der Bibliotheksleiterin:

„Grundsätzlich werden in der Bibliothek keine extremistischen Publikationen gleich welcher Couleur angeboten.“

Ein schöner Satz, den ich dann gleich mal überprüfen wollte. Was eignet sich dann an dieser Stelle besser als unser altbekannter Freund: Udo Ulfkotte und sein Lieblingsverlag: der Kopp-Verlag (wer genaueres über beide wissen möchte, der lese bitte in unserem alten Blogeintrag nach: HIER). Und jetzt passiert natürlich was ganz blödes. Die Bibliothek hat selbstverständlich Udo Ulfkotte, in diesem Fall mit seinem “Meisterwerk” - SOS Abendland : die schleichende Islamisierung Europas – erschienen im Kopp-Verlag, im Bestand. Ich zitiere aus der Annotation im Web-OPAC, die dem Verlagstext entspricht:

In diesem Buch lesen Sie, was die Islamisten gerne vor Ihnen verborgen hätten. Es ist die wohl erschreckendste Chronologie über die Ausbreitung des Islam in Europa. Hier lesen Sie aber auch, was Ihnen die deutschen Massenmedien verschweigen. Fakten, die Ihnen den Atem stocken lassen – in einer Fülle, die erdrückend ist. Was schon lange prophezeit wurde, scheint nun finstere Realität zu werden: der Untergang des Abendlands!
(Quelle: Web-OPAC der Stadtbibliothek)

Die Annotation kann man so auch als Empfehlung der Bibliothek verstehen. Jetzt hat die Leiterin der Stadtbibliothek natürlich ein Problem: ihre Begründung von oben zieht gar nicht, weil sie nachweislich unwahr ist. Damit muss sie sich zwar nicht den Zensurvorwurf gefallen lassen, eine Bibliothek kann keine Zeitungen zensieren, aber sie muss sich den Vorwurf der Lüge und den Vorwurf des unbegründet politisch motivierten Handelns gefallen lassen.

Der ganze Vorgang zeigt erneut, dass es einen feststellbaren Mangel an Kenntnissen bilbiothekarischer Ethik gibt und einen absolut krassen Mangel an Beschäftigung mit der Frage: was will unsere Bibliothek und wie ist sie demokratisch legitimiert bzw. legitimiert sie sich selbst demokratisch. Außerdem zeigt es einen absoluten Mangel an der Kenntnis des eigenen Bestandes und an der Wahrnehmung rechtsextremer Literatur.

DonBib

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