*Ultrà Biblioteka*

Archiv für Juli 2012|Monatsarchiv

Buchempfehlung

In Six Books Under am 30. Juli 2012 um 11:20

Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz : von Galton zu Sarrazin ; die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik / Michael Haller ; Martin Niggeschmidt (Hrsg.)

Eine Aufsatzsammlung, die sich mit nichts anderem beschäftigt als den Quellen Sarrazins nachzugehen, oder wie es die Frankfurter Rundschau schreibt: “Sarrazins Quellen, Fakten und Schlüsse seriöser wissenschaftlicher Prüfung zu unterziehen”. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich ganz gut aus einigen Rezensionen ablesen:

Die Stärke dieser Beiträge ist es, die politische Motivation der Verwendung wissenschaftlicher Befunde aufzuzeigen – daneben wird zugleich sichtbar, dass eine ganze Reihe von ideologisch motivierten Aussagen wissenschaftlich nicht haltbar sind und auf Missverständnissen bzw. fehleranfälligen Grundannahmen beruhen.
(Quelle: Blog des psychologischen Instituts Heidelberg)

Regelrecht peinlich für Sarrazin wird es, wenn der Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, Diethard Tautz, ihn darauf hinweisen muss, dass Intelligenz keine monogenetische Eigenschaft ist, die nach den Mendelschen Gesetzen vererbt wird – wie der Ex-Banker laienhaft, aber umso sturer behauptet.
(Quelle: Frankfurter Rundschau)

Das von Haller und Niggeschmidt herausgegebene Buch ist im besten Sinne aufklärerisch: Auf fast jeder Seite geht einem ein Licht auf.
(Quelle: Die Welt)

Dazu ein sehr interessantes Interview mit Michael Haller bei dastandard.at.

Kaufen die Öffentlichen Bibliotheken dieses Buch jetzt auch alle? So von wegen Aufklärung und Dienstleistung und Bildungseinrichtung usw.? Ich recherchiere mal ein bißchen.

DonBib

*via Wolfgang Kaiser*

Zweimal dbv – Nachrichten aus einer mir fremden Welt

In Farbwechsel am 30. Juli 2012 um 09:39

Zwei Punkte die sehr gut illustrieren wie weit der dbv und ich inhaltlich grundlegend auseinander liegen:

  1. Zukunft der Bibliotheken „Oasen in einer hektischen Welt“ – ein Interview mit Monika Ziller
  2. “Gold” für Top-Bibliotheken in Deutschland – Bibliotheksindex BIX fördert Wettbewerb um gerechte Bildungschancen – eine Pressemitteilung des dbv

Zu 1.: Ein Interview in der Frankfurter Rundschau ist doch eigentlich eine schöne Sache. Blöd ist es nur, wenn man zu Öffentlichen Bibliotheken nichts zu sagen hat. Ach doch, da war ja etwas:

Sie sind in Gemeinden des ländlichen Raums oder in manchen Stadtteilen der einzige Ort, der für jeden kostenlos zugänglich ist – abgesehen von den Parks.

Ein selten großer Unsinn. Jede Buchhandlung und jedes Einkaufszentrum ist kostenlos zugänglich. In Buchhandlungen kann man mittlerweile auch einfach bequem sitzen und lesen, ohne gleich das Buch mit der Bemerkung “Sie müssen das schon kaufen, wenn Sie es lesen wollen” aus der Hand gerissen zu bekommen. Steht es so schlecht um die eigenen Argumente im dbv? Und dann noch dieses angefügte “abgesehen von den Parks”. Mit fallen schon spontan viele Beispiele für Bezahlparks in Kommunen und Städten ein. Danach noch ein bißchen Schlagwortwerferei: “digitale Zukunft”. Mehr gabs zu Öffentlichen Bibliotheken eigentlich nicht zu erzählen – schade.

Zu 2.: Der Bibliotheksindex BIX ist und bleibt ein oberflächliches Instrument zur oberflächlichen Kommunikation mit der Verwaltung, der Öffentlichkeit und der Politik. Eine neue Aufmachung ändert da nichts am Unsinn. Das beste Beispiel bietet der dbv glücklicherweise gleich selbst in seiner Pressemitteilung:

Die Ergebnisse zeigen jeder der 346 Bibliotheken, wo sie in Relation zu allen vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland steht. Nun weiß z.B. die lokale Stadtbibliothek, dass sie in Deutschland bei der Zahl der Veranstaltungen pro Einwohner “Spitze” ist.

Klasse – wenn meine Bibliothek also sehr viel Geld in zwei sehr öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen investiert, die dann wie Publikumsmagneten wirken, eine andere Bibliothek aber 15 kleine und auf ein sehr spezielles Publikum ausgerichtete Veranstaltungen anbietet, dann ist letztere Bibliothek spitze und meine nicht. Auf der Seite des Bibliotheksindex wird es dann noch lustiger. Der Punkt “Veranstaltungen und Programme” wird wiefolgt beschrieben:

Mit der Erhebung dieses Indikators bildet der BIX ab, wie leistungsfähig die Bibliothek in ihrer Funktion als Vermittlerin von Lese- und Medienkompetenz sowie als kulturelles Zentrum und Treffpunkt für die Bürger ist.
(Quelle: BIX-Bibliotheksindex)

Klingt bombastisch – aber nur bis man gelesen hat, wie die Leistungsfähigkeit als Kompetenzvermittler gemessen wird:

Es zählen alle von der Bibliothek angebotenen einmaligen und regelmäßigen Veranstaltungen, dazu gehören auch Ausstellungen, Einführungen in die Bibliotheksbenutzung, Hausaufgabenbetreuung und Kooperationsveranstaltungen, z.B. die Koordination von Vorlesepaten.
(Quelle: BIX-Bibliotheksindex)

Alles nicht neu, alles schon geschrieben und diskutiert. Die Pressemitteilung macht für mich aber den Unterschied. Auch dem ausgegebenen Ziel, “allen Bürgerinnen und Bürgern gleichwertige Kultur- und Bildungsleistungen zu bieten” kann ich mich nicht unterordnen. Ich möchte den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort die für sie bestmögliche Arbeit anbieten. Der Versuch diese Arbeit bzw. diese Leistung zu messen, folgt einem für mich nicht akzeptablen Bildungsideal.

Im Ergebnis bleibt der dbv in einer mir fremden Welt hängen. Zum Glück kenne ich das ja schon vom BIB.

DonBib

“Wissen trifft” Wirklichkeit – Rassismus und eine Kultureinrichtung

In Farbwechsel am 10. Juli 2012 um 10:13

Die Diskussion um die Stadtbibliothek Hans Fallada in Greifswald ist noch voll im Gange (*Ultrà Biblioteka* berichtete), da tut sich eine neue schwerwiegende Diskussion auf. Diesmal trifft es die Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder). Der Blog “Lauter Bautz’ner” berichtet in einem unbedingt lesenswerten Artikel “Rassismus und eine Kultureinrichtung” über die unreflektierte Erfüllung des, auch im Code of Ethics des BID beständig hochgehaltenen, “Kunden- bzw. Kundinnenwunsches” und den entsprechenden Folgen.

Im Ergebnis bedeutete dies hier die widerspruchslose Beschaffung eines rassistischen Werkes:

Zum Beispiel Udo Ulfkotte. Von diesem Vertreter seiner Zunft gibt es gleich vier Bücher im Bestand der Bibliothek. Sein neuestes Werk trägt den viel versprechenden Titel: “Albtraum Zuwanderung”. Und es trieft nur so vor rassistischen Ressentiments gegen alles, was nicht christlich oder deutsch oder beides zusammen ist. Unter anderem wünscht sich der Autor die “Kasernierung und Deportation vagabundierender krimineller Roma”.
(Quelle: Lauter Bautz’ner)

Begründet wurde die Anfrage mit einer vor Nationalismus triefenden und mit einem Verweis auf eine rechtspolulistische Zeitung, die Junge Freiheit, befütterte Email:

Nun komme ich zu meiner Bitte. Der eben genannte Udo Ulfkotte veröffentlichte letztes Jahr das Buch “Albtraum Zuwanderung”. Darin wird abermals und noch deutlicher beschrieben, welche finanziellen Ausmaße Deutschland die (Nicht-)Integration von arbeitslosen Ausländern kostet. Dieses Buch wurde unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Siehe: http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display-mit-Komm.154+M55ee33f54ab.0.html?&tx_ttnews%5Bswords%5D=ulfkotte
(Quelle: Lauter Bautz’ner)

Im Resümee heisst es:

Demokratische Vielfalt, nicht nur diejenige auf irgendwelchen Positionsapieren, kann durch die unverantwortliche/naive Haltung des Bibliothekswesens gegenüber seinen sozialen und politischen Umfeldern leicht in eine undemokratische Richtung kippen. Das passiert nämlich genau dann, wenn Nazis die bibliothekarische Lethargie als Spielwiese für ihre menschenverachtende Ideologie erkennen und missbrauchen. Aber es müssen natürlich nicht immer plakative Neonazis sein, die sich ihren ganz eigenen Handbestand in der Bibliothek aufbauen. Auch ganz gewöhnliche Bürger einer Stadt können solche Medien nutzen, um sich rein fachlich gegen eine Unterbringung von asylsuchenden Menschen in Stellung zu bringen.
(Quelle: Lauter Bautz’ner)

Der Artikel findet sich vollständig hier: KLICK MICH

DonBib 

Zu kurz gedacht – Anmerkung zur Stadtbibliothek Greifswald

In Farbwechsel am 5. Juli 2012 um 08:58

Seit einigen Tagen rumpelt es in Greifswald. Die Bibliotheksleiterin der Stadtbibliothek Hans Fallada in Greifswald, Angelika Spiecker, muss sich aktuell den Vorwurf der Zensur anhören. Grund hierfür ist, dass die linke Tageszeitung „Junge Welt“ nun nicht mehr Teil des Bibliotheksbestandes ist. Prinzipiell ist das ja – die Verringerung des Zeitungs- oder Zeitschriftenbestandes – ein üblicher Vorgang. Begründet wurde dieser Vorgang durch die Bibliotheksleitung hier aber mit der „Akzeptanz von Gewalt zur Umsetzung politischer Ziele” innerhalb der Zeitung. Nun ist das ja schon eine etwas merkwürdige Begründung. Ich meine mich zu erinnern, dass der ja so heiß geliebte Bundespräsident Joachim Gauck ähnliches neulich bei einem Besuch der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg formulierte:

Die Abscheu gegen Gewalt sei zwar verständlich, und Gewalt werde immer ein Übel bleiben, sagte Gauck in Hamburg. “Aber sie kann – solange wir in der Welt leben, in der wir leben (…) – notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden oder zu unterbinden”
(Quelle: Der Spiegel)

Das ist natürlich jetzt blöd gelaufen für die Bibliotheksleiterin. Aber auch darüber kann man hinweg sehen. Ich z.B. teile den Gedanken des Bundespräsidenten überhaupt nicht, seine Aussagen sind auch z.T. sehr kritisiert worden und es bleibt letztlich bloß eine Meinung. Was jetzt das eigentliche Problem darstellt ist der dem angefügte Satz der Bibliotheksleiterin:

„Grundsätzlich werden in der Bibliothek keine extremistischen Publikationen gleich welcher Couleur angeboten.“

Ein schöner Satz, den ich dann gleich mal überprüfen wollte. Was eignet sich dann an dieser Stelle besser als unser altbekannter Freund: Udo Ulfkotte und sein Lieblingsverlag: der Kopp-Verlag (wer genaueres über beide wissen möchte, der lese bitte in unserem alten Blogeintrag nach: HIER). Und jetzt passiert natürlich was ganz blödes. Die Bibliothek hat selbstverständlich Udo Ulfkotte, in diesem Fall mit seinem “Meisterwerk” - SOS Abendland : die schleichende Islamisierung Europas – erschienen im Kopp-Verlag, im Bestand. Ich zitiere aus der Annotation im Web-OPAC, die dem Verlagstext entspricht:

In diesem Buch lesen Sie, was die Islamisten gerne vor Ihnen verborgen hätten. Es ist die wohl erschreckendste Chronologie über die Ausbreitung des Islam in Europa. Hier lesen Sie aber auch, was Ihnen die deutschen Massenmedien verschweigen. Fakten, die Ihnen den Atem stocken lassen – in einer Fülle, die erdrückend ist. Was schon lange prophezeit wurde, scheint nun finstere Realität zu werden: der Untergang des Abendlands!
(Quelle: Web-OPAC der Stadtbibliothek)

Die Annotation kann man so auch als Empfehlung der Bibliothek verstehen. Jetzt hat die Leiterin der Stadtbibliothek natürlich ein Problem: ihre Begründung von oben zieht gar nicht, weil sie nachweislich unwahr ist. Damit muss sie sich zwar nicht den Zensurvorwurf gefallen lassen, eine Bibliothek kann keine Zeitungen zensieren, aber sie muss sich den Vorwurf der Lüge und den Vorwurf des unbegründet politisch motivierten Handelns gefallen lassen.

Der ganze Vorgang zeigt erneut, dass es einen feststellbaren Mangel an Kenntnissen bilbiothekarischer Ethik gibt und einen absolut krassen Mangel an Beschäftigung mit der Frage: was will unsere Bibliothek und wie ist sie demokratisch legitimiert bzw. legitimiert sie sich selbst demokratisch. Außerdem zeigt es einen absoluten Mangel an der Kenntnis des eigenen Bestandes und an der Wahrnehmung rechtsextremer Literatur.

DonBib

BIB sperrt bibliojobs.de ein

In Dutt Up! am 5. Juli 2012 um 07:32

Ich frage mich so langsam was hier wohl gerade in unserem Berufsstand passiert. Da haben wir erst die Geschichte um “BIBLIOTHEKSDIENST erscheint bei De Gruyter”, dann eine höchst merkwürdige – politisch motivierte!!! – „Entgegnung“ auf den Artikel „Zwischen Bibliothekaren und Bücherwürmern” von Shaked Spier und jetzt lese ich:

Exklusiv: Auswertung für BIB-Mitglieder Exklusiv: Auswertung für BIB-Mitglieder

Arbeitssuchende, die nicht BIB-Mitglieder sind, können für die Stellensuche direkt auf die wichtigsten Quellen zugreifen. Der Berufsverband wertet die genannten Quellen außerdem regelmäßig nach relevanten Anzeigen aus.
Die Ergebnisse der Recherchen stehen ab 16. Juli 2012 ausschließlich BIB-Mitgliedern zur Verfügung, die mit ihren Beiträgen die aufwendige Auswertungsarbeit finanzieren.
(Mitglied werden: Studierende und Auszubildende profitieren vom günstigen Appetizer-Tarif) .
(Quelle: BIB: bibliojobs)

Was passiert denn hier gerade???

Nachtrag: zur besseren Darstellung wurde noch ein Bild eingefügt

bald nicht mehr frei sichtbar

Die “Leistung” dieser “aufwendigen Auswertungsarbeit” wird doch sowieso erbracht und jetzt sperren wir schon bestehende Daten ein? Wo bleibt denn nun unsere heiß geliebte Arbeitsgruppe ‘Bibliothek und Ethik’? Macht mal was!

Wer bis dahin ein bißchen Wind machen möchte, der schreibe doch bitte seine Meinung an: bibliojobs@bib-info.de

DonBib

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