*Ultrà Biblioteka*

Archiv für September 2011|Monatsarchiv

Ein Armutszeugnis – weg mit Brecht – her mit brauner Esoterik

In Farbwechsel am 29. September 2011 um 21:17

Nachdem Axel Schaper in den Kommentaren zum Artikel “Bestandsaufbau mit Profil – der Heilige Gral: die Bestsellerliste” auf die Friedrich-Huth-Bücherei in Harsefeld hinwies, habe ich mir die Bücherei mal genauer angeschaut. Aufhänger der Kritik von Axel Schaper war ein Artikel im “Neuen Buxtehuder Wochenblatt” (S. 40), ein kostenloses Anzeigenblatt für den größten Teil der Haushalte im Raum Harsefeld / Buxtehude etc. Dort wird in einem aktuellen Artikel dargestellt, wie die Bücherei nach dem Prinzip “Brecht will niemand lesen” eine Gesamtausgabe (Neupreis laut Zeitung 1280€) für 20€ an einen lokalen Journalisten verscherbelt. Nun kann man diskutieren, dass man eine Gesamtausgabe in einer kleinen Stadt wie Harsefeld nicht braucht – völlig richtig. Aber die Form der dazugehörigen Öffentlichkeitsarbeit, die völlig unzulängliche Art der Begründung und der damit einhergehende Abgesang an jeglichen Bildungsauftrag, denn man wäre ja nur “Familienbücherei”, ist absolut unerträglich.

So weit, so schlecht!

Jetzt kommt aber das spannende an der Recherche, man verbindet Beispiele aus dem aktuellen Bestand mit dem Etikett “Familienbücherei”. Zur Familienbücherei gehört offensichtlich Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” – gut bei der hier schon viel kritisierten Gier nach Bestsellern nicht weiter verwunderlich. Etwas komischer wird es dann bei der mittlerweile für den Kopp Verlag schreibenden und Nachrichten sprechenden Eva Herman. Der Kopp Verlag also, da fängt es dann langsam an ein bißchen ekelig zu werden.

Der Kopp Verlag ist ein deutscher Verlag und eine Versandbuchhandlung in Rottenburg am Neckar. Inhaber und Gründer ist Jochen Kopp (geb. 1966), ein ehemaliger Polizist am Polizeipräsidium Stuttgart. Das Verlagsprogramm beinhaltet vor allem Bücher der Bereiche Esoterik, Verschwörungstheorien, Ufologie, aber auch Alternativmedizin und Pseudowissenschaften. Angeboten werden auch Werke von bekannten Antisemiten oder Propagandisten brauner Esoterik.  Der Kopp Verlag verfügt über Anbindung zur deutschen rechten Szene. So existiert eine enge Kooperation mit dem rechtsextremen Tübinger Grabert-Verlag und es existierte früher eine derartige Beziehung zum rechts-neuheidnischen Arun-Verlag. Kopp verlegt auch Bücher des rechten Leopold Stocker Verlags und des Ares-Verlags. In rechten Publikationen wird Werbung für den Kopp Verlag geschaltet, beispielsweise in der nationalliberalen Monatszeitschrift eigentümlich frei oder der ultrarechten Wochenpostille Junge Freiheit. [...]  Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik stellte fest, dass sich die Autorenliste des Kopp Verlags wie ein Who-is-Who der deutschen Verschwörungsliteratur lese, darunter einige mit Nähe zu rechtem und esoterischem Gedankengut, die in der rechten Szene gerne rezipiert werden. Vertrieben werden zudem auch Bücher von Jan Udo Holey, dessen Werke durchsetzt mit rechtsextremer Esoterik sind.
(Quelle: EsoWatch)

Jetzt wäre es schön gewesen, wenn man im OPAC nach Verlagen suchen könnte, was aber nicht geht. Also umständlich nach Autoren suchen – dann dauerte es gar nicht so lange, bis gefunden war was befürchtet wurde:

Michaeel Grandt : Der Staatsbankrott kommt! ; Hintergründe, die man kennen muss / Michaeel Grandt. Rottenburg : Kopp, 2010. – 384 S.
(Quelle: OPAC der Friedrich-Huth-Bücherei in Harsefeld)

Kein Brecht, aber etwas vom Kopp Verlag...

Noch ein Beispiel? Hier:

Thorwald Dethlefsen : Schicksal als Chance ; das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen
(Quelle: OPAC der Friedrich-Huth-Bücherei in Harsefeld)

Klingt eigentlich gar nicht schlimm oder? Zitieren wir mal aus einem Artikel aus der Zeit:

Der Esoterik-Bestsellerautor und Münchner Startherapeut Thorwald Dethlefsen schwadroniert darin im Stürmer-Stil: Der Mensch “hat sich zu bemühen, eine möglichst nützliche Zelle zu sein, so wie er es von seinen Körperzellen erwartet, damit er nicht zum Krebsgeschwür dieser Welt wird. Verläßt er dennoch die Ordnung mutwillig, um seine mißverstandene Freiheit auszukosten, so sollte er sich nicht wundern, wenn er eliminiert wird.”
(Quelle: Die Zeit Online)

Kein Brecht, aber ein dem Grundsatz des Artikel 1 des Grundgesetzes widersprechendes Buch.

Auch ein Buch von “Staresoteriker Erhard Freitag” findet sich im Katalog. Erhard Freitag kann man mit folgender Aussage zitieren: “[...] das jüdische Volk hätte in den Gaskammern des “Dritten Reiches” Vergehen aus früheren Leben zu büßen gehabt.”

Also liebe Friedrich-Huth-Bücherei, herzlichen Glückwunsch zu dieser deutlichen Demonstration dessen, was eine “Familienbücherei” ausmacht.

DonBib

PS Schön übrigens, dass die Friedrich-Huth-Bücherei in Harsefeld das Qualitätssicherungs-  und Zertifizierungsverfahren »Bibliothek mit Qualität und Siegel« der niedersächsische Landesregierung zusammen mit der kommunalen Büchereizentrale Niedersachsen erfolgreich durchlaufen hat und sich deshalb mit eben jenem Gütesiegel zieren darf. Jetzt weiß ich wenigstens schon, was ich von dem Siegel zu halten habe.

PPS „Ändere die Welt; sie braucht es.“ – Bertolt Brecht

PPPS Ein schöner Artikel zu diesem Thema, mit dem Titel “Schon mal was von „Brauner Esoterik“ gehört?”, findet sich auch beim Lauter Bautz’ner Blog.

Weil der Papst gerade im Lande ist

In Farbwechsel am 23. September 2011 um 12:27

ist es eigentlich ein guter Zeitpunkt mal ein Thema zu besprechen, das regelmäßig Verärgerung hervorruft:
die Mitgliedschaft in einer Kirche als Einstellungsvorraussetzung
.

Auch aktuell gibt es drei Stellenangebote (nur eine kleine Auswahl), die eben jene religiösen Kernpunkte in den Anforderungen verankert haben:

1. missio – Internationales Katholisches Missionswerk e.V. glauben.leben.geben

DIPLOM-BIBLIOTHEKAR (w / m) oder DIPLOM-DOKUMENTAR (w / m)

Wir erwarten: Identifizierung mit der katholischen Kirche und insbesondere mit den Aufgaben von missio

2. Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens

Bibliotheksmitarbeiter/Bibliotheksmitarbeiterin

Anforderungen: Mitgliedschaft in einer Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland

3. Borromäusverein e.V.

Bildungsreferenten/- in

Anforderungen: Mitgliedschaft in der katholischen Kirche

Drei Fälle, wenigstens zweieinhalb davon sind rechtlich absolut fragwürdig. Unabhängig davon, dass es für die gute Arbeit in allen diesen Stellen wohl völlig egal ist welchem Glauben man anhängt und ob man überhaupt einem Glauben anhängt, heißt es im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG):

§ 1 Ziel des Gesetzes Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

§ 8 Zulässige unterschiedliche Behandlung wegen beruflicher Anforderungen

(1) Eine unterschiedliche Behandlung wegen eines in § 1 genannten Grundes ist zulässig, wenn dieser Grund wegen der Art der auszuübenden Tätigkeit oder der Bedingungen ihrer Ausübung eine wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung darstellt, sofern der Zweck rechtmäßig und die Anforderung angemessen ist.

(Quelle: Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG))

Man fragt sich nun, wo bei den genannten Stellenausschreibungen die Mitgliedschaft oder die Begeisterung für die Kirche eine weisentliche berufliche Anforderung darstellt. Ein beispielhaftes Urteil, das zeigt wie dünn das Eis ist auf dem sich die genannten Ausschreibungen bewegen, findet sich HIER.

Es bleibt zu hoffen, dass die Praxis solcher Forderungen an die Bewerberinnen und Bewerber ein Ende findet.
Das Denken Moral und Redlichkeit finde sich nur bei jenen die glauben, nichts anderes ist die Grundlage einer Anforderung wie z.B. “Mitgliedschaft in der Katholischen Kirche”, ist altertümlich, unwahr und in der aktuellen Lage der Dinge schlicht nicht mal mehr auf der Höhe der Rechtssprechung.

DonBib

PS Wenn jemand andere Interpretation des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) für richtig hält, möge er sie bitte mitteilen, man lernt ja nie aus.

Spontangähnen

In Dutt Up! am 22. September 2011 um 19:47

Beim täglichen Browsen durch die digitale Nachrichtenwelt, auf der Suche nach Bibliotheksnachrichten, war ich erst ganz erstaunt mal wieder etwas in einer der überregionalen Zeitungen zu entdecken. Ich las also die Überschrift:

Stadtbibliotheken fordern finanzielle Absicherung
(Quelle: Welt Online vom 21.09.11)

Dann dachte ich darüber nach, dass ich Forderungen dieser Art gerne öfter in solchen Medien lesen würde. Während ich mich noch freute, dass es mal wieder jemand geschafft hatte eine Bibliotheksnachricht dort zu präsentieren, brach ich dann beim Lesen in Spontangähnen aus. Da bekommt man also die Gelegenheit kurz und knapp zu sagen, warum man denn mehr Geld haben möchte für die Bibliotheken und präsentiert dann die ausgelutschteste Floskel, die möglich scheint:

Von den Anstrengungen für mehr Bildung müssten auch die Bibliotheken profitieren, die wichtige Lernorte für alle Generationen seien [...].
(Quelle: Welt Online vom 21.09.11)

An dieser Stelle habe ich mich dann kurz geärgert, die Zeitung nicht gedruckt vor mir zu haben, dann hätte ich das Blatt wenden können um nachzuschauen ob auf der anderen Seite doch noch etwas wichtigeres steht. Aber weiter gehts, da kam ja dann noch ein Argument:

Die Digitalisierung von Sach- und Unterhaltungsliteratur stelle für viele Häuser eine große finanzielle Herausforderung dar [...].
(Quelle: Welt Online vom 21.09.11)

Gibt es beim DBV nicht Vorlagen mit sinnvollen Floskeln für Kurzmeldungen in Zeitungen? “Wichtige Lernorte” als kleines feines Argument ist so unendlich schwammig und nichtssagend, dafür würde ich als Politiker nicht mal die Schubladen meines Langzeitgedächtnisses öffnen um dieses Nachricht einzulassen. Die “große finanzielle Herausforderung” hat aktuell auch wirklich jeder Zentimeter des Öffentlichen Dienstes zu bewältigen. Auch das lockt mich nicht. Wenn ich schon nur ein paar Zeilen Platz habe, wie wäre es dann mit einer wesentlich klareren Aussage? Z.B. die von mephisto 97.6, Deutschlands erstem Universitäts-, Ausbildungs- und Lokalradio mit eigener Sendelizenz (Universität Leipzig) und Lokalsender für den Großraum Leipzig-Halle, anlässlich des 4. Leipziger Bibliothekskongresses aufgezeichnete Argumentation Rogelio Blanco Martínez (Generaldirektor für Bücher, Archive und Bibliotheken in Spanien):

Demokratie ohne Bibliotheken? 

Die Bedeutung der Bibliotheken nicht nur für die Lesesozialisation, sondern für eine Demokratie überhaupt hebt der spanische Schriftsteller Rogelio Blanco Martínez hervor, der als Vertreter des spanischen Kulturministeriums sein Land als Gastland des Kongresses repräsentiert. Er sieht ein intaktes Bibliothekennetz als Fundament der Demokratie. Die Machtverteilung in einem Staat hängt, so Blanco Martínez, von der Verteilung des Wissens ab, und somit ist eine breite Zugänglichkeit von Wissen Grundvoraussetzung für eine egalitäre Machtverteilung und die demokratische Kontrolle von Macht. (Quelle: Homepage von mephisto 97.6)

Das wäre doch mal kurz und knackig: “Ohne gute Bibliotheken keine Demokratie!”

Vielleicht sollten wir mal einen Ideenwettbewerb für kurze und knackige Argumentationen für Bibliotheken starten? Die Kommentarfunktion wäre ja ein guter Ansatz!

DonBib

Schreibt dem BID – Update

In Farbwechsel am 21. September 2011 um 07:46

Update 14:24 Uhr:

Haben soeben eine Bestätigung erhalten, dass unsere Email eingetroffen ist.

Vor exakt zehn Tagen veröffentlichten wir hier einen Offenen Brief an den Bibliothek und Information Deutschland (BID) e.V. Ziel war es eine Antwort auf die Frage zu erhalten, inwiefern die Verleihung der Karl-Preusker-Medaille 2011 an Bundespräsident a. D. Horst Köhler moralisch und inhaltlich, vor allem auch bezogen auf die eigenen ethischen Grundsätze des Verbandes, vertretbar ist.
Dieser Offene Brief ging auch per Mail an die entsprechende Kontaktadresse beim BID. Vor Nach der Hälfte der bisher vergangenen Zeit, also vor fünf zwei Tagen (interne Fehlinfo – ich bitte das zu entschuldigen!), fragten wir nach, ob die Email denn angekommen wäre. Leider erhielten wir auf keine der Nachfragen oder Emails bisher eine Antwort. Niemand hatte erwartet, dass es dazu jetzt eine große offizielle Stellungnahme geben würde, eine Bestätigung des Eingangs der Email wäre schon ausreichend gewesen.

Die Nachfragen aber schlicht zu ignorieren ist schon fragwürdig.

Daher nun eine kleine Bitte an die Leserinnen und Leser dieses Blogs: verfasst einen kleiner Dreizeiler per Email an den BID und gebt auch euer Interesse an dieser Frage zu erkennen. Vielleicht sieht man sich dann doch genötigt in einem annehmbaren und nachvollziehbaren zeitlichen Rahmen zu antworten.

Kontakt

Geschäftsstelle der BID

Dr. Monika Braß (Geschäftsführerin)
Bibliothek und Information Deutschland (BID) e.V.
c/o Deutscher Bibliotheksverband
Straße des 17. Juni 114
10623 Berlin
Telefon: (0 30) 644 98 99-20
Telefax: (0 30) 644 98 99-27
E-Mail: bid@bideutschland.de

DonBib

Banned Books Week – in vier Tagen gehts los!

In Dutt Up! am 20. September 2011 um 18:17

Ich möchte noch mal die „Banned Books Week“ in Erinnerung rufen, die in vier Tagen startet! Geschrieben haben wir hier auf *Ultrà Biblioteka* ja bereits über diese Woche gegen Zensur in den USA, daher hier nur ein paar “nette” Kleinigkeiten, die wir dazu noch gefunden haben.

1. Eine Karte mit den Orten und den Fakten bekanntgewordener Fälle von Zensur:

 

2. Die offizielle Homepage der „Banned Books Week“

3. Ein Promovideo

 

Also drückt den Kolleginnen und Kollegen dort drüben die Daumen und vor allem: auch hier die Augen auf halten, es gibt und gab auch in diesem Land bereits Eingriffe in die Arbeit von Bibliotheken!

DonBib

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